Anke Goertsches: Die Schäferin vom WeidenHof

Anke Goertsches berichtet auf ihrem Blog Die Schäferin vom WeidenHof von ihrem Leben als Schäferin auf dem WeidenHof, ihren „Mähdels“ und aktuell auch zu den Krisenzeiten. Dieser Beitrag ist ein Auszug aus ihrem Blog.


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Was geschieht, wenn wir langsam wieder aus unseren Häusern hervorkommen werden, um vorsichtig nachzuschauen, was aus der Welt geworden ist? Wie wird sich die Welt uns dann zeigen und vor allem, was wird das alles aus uns gemacht haben? Wir sind nicht ohnmächtig, zumindest nicht ganz. Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können, ja. Wir können einem Virus nicht verbieten, sich zu entwickeln. Aber gleichzeitig haben wir die Freiheit, uns zu entwickeln, unser Miteinander und unsere Art, mit uns und der Welt umzugehen. Es gibt genug Ideen, Utopien und Fragen: „was wäre wenn….“ wir das Unmögliche wagen und die schönsten Menschlichkeitsideen in die Tat umsetzen? Dazu braucht es nur ein klein wenig Mut. Und Hoffnung – egal was passiert. Veränderung liegt an uns.

Beim Füttern der Ziegen kamen mir zwei Gedanken: zum einen ist es ja so, dass die drei Damen ihr Leben hier verbringen werden, ohne Lebensmittel zu produzieren, dafür aber beschützen sie die Hühner vor dem Habicht. Da sie noch nicht lange da sind, sind wir in der Eingewöhnungsphase und man merkt, wie sensibel solche Tiere auch immer sind. Ruhe und Zuspruch, Stabilität, Verlässlichkeit und vor allem ehrliche Kommunikation – das heißt, dass auch das passiert, was man kommuniziert und nicht taktiert wird, dass man das kommuniziert was wirklich ist – im innen wie im außen. Das alles brauchen wir Menschen genauso wie die Tiere, um uns sicher und wohl fühlen zu können. Und wenn das ganze erstmal läuft, dann ist es höchst spannend, was da passiert: zwei völlig unterschiedliche Wesen können sich gegenseitig Halt geben.

Zum anderen wird bei Tieren, die eben nicht der Lebensmittelproduktion dienen wieder klar, wie abhängig wir von internationalen Handelsstrukturen sind. Die Ziegen sind wenige, wir haben einen kleinen Deal: sie passen auf die eierlegenden Hühner auf und ich behandele sie gut. Also bringe ich mit, was immer mal so anfällt. Neben ein wenig Heu und Mineralfutter von den Schafen bekommen sie halt ein paar Möhrchen, die hier und da abfallen, Kohlrabi, trocken gewordenes Brot. Reste eben, die immer mal anfallen. So wie seit eh und je die Tiere und die Menschen sich zusammengefunden haben. Es fällt was ab, die Tiere freuen sich darüber und binden sich dafür an den Menschen. Bei den Schafen ist das schon anders. Ich verlange eine gewisse Leistung von ihnen, um die Menschen, die wir mit Lammfleisch versorgen, auch alle versorgt zu bekommen. Noch stärker ist das bei den Hühnern. Da sie wöchentlich für genügend Eier sorgen sollen, haben sie auch einen hohen Bedarf. Futterkomponenten kommen von sonstwo – sonst würde der hohe Leistungsstandart, der den Hühnern auch im Biobereich abverlangt wird – nicht erfüllt werden können. Auch wenn im Biobereich schon auf vieles verzichtet wird, kein Soja, kein dies kein das, …. Aber ganz ohne zusätzliche Nährstoffe können auch Hühner nicht die hundertfache Menge eines wilden Ur-Huhns produzieren….

Was sagt uns das in Zeiten, in denen Grenzen geschlossen werden und Handel zwischen den Kontinenten ins Wanken gerät, wobei wir doch alles darauf aufgebaut haben? Ich weiß es auch nicht, weil ich auch nur ein kleines Menschlein dieser Erde bin, aber dass ich kritisch darüber nachdenke, kommt wohl unverhohlen aus diesem Beitrag heraus. Wie schön, wenn man von dem, was einen umgibt, auch leben kann. Wenn nicht die Welt in Frage gestellt werden muss, wenn irgendwo anders eine Katastrohe ausbricht. Vielleicht können Katastrophen im Allgemeinen auch besser aufgefangen werden, wenn ein lokales System sich schnell wieder selbst regulieren kann? Ich weiß es nicht. Angesichts der Zahl der Weltbevölkerung mag ich auch kein abschließendes Urteil darüber abgeben, sondern nur Dinge andenken und versuchen, zumindest in meinem Umfeld wirksam zu sein.

Wie gerne kehre ich dann einfach zu meinen Tieren zurück und genieße den Moment der Begegnung, wenn wir das Gefühl haben, dass wir zusammengehören. Dass wir uns gegenseitig etwas geben und füreinander da sind. Einfach so, ohne Hintergedanken, ohne alternative Fakten, sondern ganz und gar so, wie es im Moment jetzt und hier ist. Und wenn meine kleine Ziege genüsslich ihr verfressenes Mäulchen in das steckt, was ich ihr mitgebracht habe, freue ich mich, dass auch sie einen sinnvollen Zweck erfüllt, ganz ohne „Lebensmittelproduktion herself“. Sie passt auf die Hühner auf, die noch kleiner sind als sie und dabei ist es nur eine Zwergziege…. Wir alle können auf unsere Weise also einen sinnvollen Platz im Leben einnehmen, egal wie klein wir sind oder wie klein wir uns sehen. Es gibt immer jemanden, der noch kleiner ist, noch schutzbedürftiger und dem wir etwas von unserer Größe schenken können, von der wir manchmal viel mehr haben, als wir uns zutrauen.

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Gastbeitrag
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Dieser Beitrag ist von einem Gast, der seine Worte selbst verfasst.

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