Bio und konventionell – der Unterschied schrumpft

… und das ist nicht nur eine gute Nachricht.

Biolandbau – das steht für große Hoffnungen, für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, für Menschen, die sich was getraut und anders gemacht haben. Für Bienen in bunten Wiesen und Hühner unter freiem Himmel. Für manche Menschen gilt sogar eine Gleichung Bio=gut, konventionell=böse. Das passt nicht mehr. Weitgehende Veränderungen in der Landwirtschaft rütteln alte Klarheiten durcheinander.

Konventionell wird ökologischer: Zum Beispiel verlangen viele Molkereien von Milchviehbetrieben inzwischen eine Fütterung ohne gentechnisch veränderte Zutaten. Moderne Ställe sind heller geworden, besonders für Kühe bieten sie neue Beweglichkeit. Im Ackerbau erhöhen strengere Zulassungskriterien für Pestizide die Bedeutung mechanischer Unkrautbekämpfung und robuster Sortenwahl. Auch gezielter Aufbau von Humus im Boden nimmt an Bedeutung zu. Die Digitalisierung macht präziseren Einsatz von Düngemitteln und Chemikalien möglich.

Bio wird konventioneller: Zum Beispiel beklagen Biolog*innen massive Probleme für die Artenvielfalt: seit Jahren wachsen auch die Größen der beackerten Bio-Flächen. Auf denselben sinkt die Vielfalt u.a. durch perfektionierte Saatgutreinigung. Und vogel- und insektenfreundliche lichtere Einsaat oder Zwischenelemente wie Hecken nehmen ab, weil sie die wertvolle Ernte reduzieren. Schlechte Nachrichten für Wildbiene und Co, die solche Flächen weder nutzen noch passieren können. Auch die Ställe der Bios werden immer größer. Und die meisten männlichen Kälbchen, die in Biomilchviehbetrieben zur Welt kommen, landen in einer konventionellen Mast und später einer Fleischfabrik. Import-Bio-Produkte hinterlassen heftige ökologische Fußabdrücke, deshalb kommen viele regionale Produkte von einem konventionellen Betrieb besser weg als importierte Bioprodukte.
Und dann ist „bio“ allzu oft auf dem sozialen Auge blind. Rechtlose Migrant*innen schuften in Spaniens Mega-Gewächshäusern – und Arbeitsbedingungen in den Biosupermärkten lassen ebenso zu wünschen übrig wie die Preisverhandlungen ihrer Einkäufer.

Trotzdem geht es nicht darum, Unterschiede zu verniedlichen. Viele Biobetriebe realisieren eine weitgehende Kreislaufwirtschaft und halten ihre Tiere um ein Vielfaches tiergerechter als die Mehrheit der konventionellen Höfe. Die Bios setzen wesentlich mehr auf Nützlinge und haben wichtige Anbaumethoden ohne synthetisch Pestizide und Düngemittel weiter entwickelt.

Die meisten konventionellen Betriebe tun zu wenig für den Tier-, Arten- und Bodenschutz. Auch im supermodernen Kuhstall bleibt die Lebenserwartung der Kuh gering, weil der Körper auf Höchstleistung getrimmt zu früh nicht mehr mitmacht. Und die Digitalisierung bringt neue Abhängigkeiten und Schulden.

Jeden Tag sterben 5 bis 10 Bauernhöfe allein in Deutschland. Es sind vor allem kleinere Betriebe, die keine Nachfolger*innen haben und keine Perspektive sehen, ihren Betrieb weiter zu führen. Die großen werden immer größer – im Bio- und im konventionellen Bereich. Sie sind allzuoft abhängig von ihren Banken oder bereits in der Hand von außerlandwirtschaftlichen Investoren.

Bauernverband und Politik sehen dem Sterben zu. Aber dieser Strukturbruch ist eine Katastrophe für unsere Vision einer vielfältigen Landwirtschaft mit lebendigen Beziehungen zu Verbraucherinnen und Verbrauchern, mit aktivem Tier- und Naturschutz und schonendem Ressourcen-Einsatz.

Große Betriebe haben größere Schwierigkeiten, von Spezialisierung weg auf mehr Vielfalt ihrer Produkte zu setzen. Ihre Ställe wollen über Jahrzehnte abgezahlt werden, die Tierzahlen an die vorhandene Fläche anzupassen ist dann ebenso unmöglich, wie einen Weidegang für ihre Bewohner zu realisieren. Ein Umsteuern wird immer schwieriger!

Was es jetzt braucht, ist mehr Austausch zwischen Bio- und konventionellen Betrieben. Und zwischen Bäuerinnen, Bauern und den Konsument*innen. Es muss darum gehen, gemeinsam für die  Zukunft der Bauernhöfe aktiv zu sein und für die umwelt-, tier-, klimafreundlichsten Lösungen. Regionale Produkte sind im Kommen und sollten noch mehr werden, bei maximaler Zukunftsfähigkeit. Wir brauchen Widerstand gegen die ganz großen Betriebe, gegen Investoren, die sich breit machen. Es gibt viel zu tun für eine andere Agrarpolitik in Bund, Ländern und auf Europäischer Ebene. Lasst uns außerdem den Flächenfraß stoppen, das ständige Zubetonieren von Feld und Flur für Gewerbegebiete, Straßen und Neubauviertel. Es lohnt sich, daraus eine gemeinsame Sache zu machen – Bio und Konventionell. Warum denn nicht?

 

 

 

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Jutta Sundermann
Jutta Sundermann

Wollte Aktion Agrar eigentlich „KuhRage“ nennen und wohnt in einem blauen Bauwagen auf dem Lande.

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