Corona, Landwirtschaft und unsere Arbeit

Liebe Freund*innen der Landwirtschaft und von Aktion Agrar,

wir alle befinden uns in besonderen Zeiten, die wir so noch nie erlebt haben. Die Corona-Pandemie hat bereits starke Auswirkungen auf unser persönliches Zusammenleben und viele Berufsstände sorgen sich um ihr Einkommen und ihre Zukunft. Auch die Landwirtschaft wird durch die aktuelle Krise schwer getroffen. In diesem Newsletter wollen wir euch einen kurzen Einblick über aktuelle Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Landwirtschaft und auf unsere Arbeit geben. Gleichzeitig wollen wir euch informieren, wie ihr unterstützen und euch auch in diesen Zeiten für eine bäuerliche, ökologischere, tiergerechtere und sozialere Landwirtschaft einsetzen könnt. Gerade jetzt erweist sich diese einmal mehr als elementarer Teil unseres Lebens.

Die Landwirtschaft ist vielfältig von der aktuellen Situation betroffen. Der verstärkte Lebensmittelkauf im Einzel- und Onlinehandel, Lieferverzögerungen durch lange Staus an den Grenzen, aber auch Einschränkungen des öffentlichen Lebens und die Frage, ob und wie weiterhin genug Menschen auf den Höfen arbeiten können, sind Umstände, mit denen sich landwirtschaftliche Betriebe jetzt konfrontiert sehen.


Saisonkräftemangel

Präsent in den Nachrichten ist vor allem der Saisonkräftemangel. An die 300.000 Arbeitskräfte fehlen, die sonst v.a. aus Polen und Rumänien zu uns kommen und viel, lange, für wenig Geld und unter harten Bedingungen arbeiten. Es gibt bereits Portale, um freigewordene Arbeitskräfte aus Deutschland an die Betriebe zu vermitteln. Fündig werdet ihr als Betrieb, der Arbeiter*innen sucht, sowie als Person, die gerne in der Landwirtschaft arbeiten möchte, hier:

https://ernte-erfolg.de/

https://www.daslandhilft.de/

https://www.saisonarbeit-in-deutschland.de/

und alternativ auch auf diesem Portal, das von Junglandwirt*innen aus Brandenburg initiiert wurde

https://www.land-arbeit.com/

und eine weitere Plattform einer Initiative, die regional Menschen mit landwirtschaftlichen Betrieben vernetzen möchte

https://bauersuchthilfe.de/

Auch wenn es eine große Herausforderung ist, eingearbeitete und routinierte Saisonkräfte angemessen zu ersetzen, drücken wir allen betroffenen Betrieben die Daumen, dass ihr motivierte Unterstützung findet und den „Neu-Arbeitslosen“, dass ihr neue Arbeiten findet, die euch zusagen. Vielleicht tut sich hier eine Chance auf, langfristig bessere Arbeitsbedingungen für Saisonkräfte zu ermöglichen. Daneben gibt es natürlich die Möglichkeit, Betriebe in eurer Umgebung direkt zu kontaktieren oder auch in der Solawi häufiger mitanzupacken. Es ist sicherlich angeraten, das vorab abzuklären und nicht unangemeldet in Gummistiefeln und Latzhose am Hoftor zu erscheinen.


Vermarktung und globale Wertschöpfungsketten

Besonders betroffen sind in der globalisierten Landwirtschaft Betriebe, die ins Ausland exportieren oder ausländische Vorprodukte (Jungpflanzen etc.) beziehen. Aber auch vielen bäuerlichen Betrieben, die nicht für den Weltmarkt produzieren, stehen schwere Zeiten bevor. Betrieben, die vorrangig an Großverbraucher wie Kantinen oder Restaurants vermarktet haben, bricht der Absatz weg. Sie müssen sich schnell neue Vermarktungsstrukturen aufbauen, viele sind existentiell bedroht. Beispielsweise wird in Deutschland auf 1/5 der gesamten Gemüse-Anbaufläche Spargel angebaut, der in großen Mengen an Restaurants vermarktet wird. Schwere Zeiten stehen auch den Zierpflanzen-Gärtner*innen bevor. Viele Verkaufsgeschäfte haben schon geschlossen.

Gleichzeitig boomen die Abo-Kisten. Viele Biokisten können keine neuen Kund*innen mehr aufnehmen, u.a. auch weil der Großhandel mit dem Kommissionieren nicht hinterherkommt. Der Online-Handel von Lebensmitteln sowie die Hauslieferungen von Biokisten werden in den kommenden Wochen weiterhin an Zulauf gewinnen. Einige werden ihre Kapazitäten ausbauen. Doch vor allem Amazon und andere große Unternehmen werden aufrüsten können und in der Krise profitieren. Wir hoffen deshalb, dass insbesondere regionale Lieferdienste neue Kund*innen finden. Was ihr tun könnt: Kauft auch jetzt regional und saisonal und am besten direkt vom Hof! Online, auf den weiterhin geöffneten Wochenmärkten und in Hofläden könnt ihr fündig werden. Gebt dabei kommerziellen Großangeboten wie Amazon fresh keine neue Chance! Support Your Local Farm!


Krise und Chance

Bei dieser kleinen Auswahl Krisenhaftigkeit wollen wir es vorerst belassen. Zu erzählen und zu beklagen gibt es sicherlich noch mehr. Wohin uns diese Krise bringt, ist jetzt noch nicht abzuschätzen. Hoffen wir dabei auch auf eine Chance – auf eine verstärkte Umorientierung von der globalisierten, industriellen Landwirtschaft hin zu regionalen Wertschöpfungsketten, demokratischen Ernährungsräten, weniger Transport von Lebensmitteln um den Globus und einer neuen Wertschätzung des Berufsstandes der Gärtner*innen und Landwirt*innen. Hoffentlich wird uns dadurch etwas mehr bewusst, dass sie es sind, die jedes Jahr aufs Neue dafür sorgen, dass unsere Teller gut gefüllt sind. Lasst uns die Krise als eine Chance nehmen, Landwirtschaft sozialer, bäuerlicher und ökologischer zu denken und zu gestalten. Und vielleicht können wir es auch als eine Gelegenheit sehen, dass sich viele Menschen dadurch wieder näher an der Erzeugung ihrer Lebensmitteln fühlen.

Eine Renaissance werden auch der eigene Garten und die Selbstversorgung erfahren. Vor leeren Nudelregalen wird sicherlich die ein oder andere Person sich auf den eigenen Anbau von Gemüse besinnen und dadurch die Abhängigkeit von der industriellen Landwirtschaft ein kleines Stückchen reduzieren. Was könnt ihr tun: Baut euer Essen selber an und verschenkt es an eure Nachbar*innen.


Aktion Agrar

Auch wir sind von der Corona-Pandemie betroffen und im Home Office.

# Workshops an Berufsschulen und Universitäten

Eigentlich hätten wir letzte Woche an zwei Berufsschulen mit Landwirtschafts-Azubis über Saatgut, bäuerliche Saatgut-Praxis sowie den Zugang zu Saatgut diskutiert und Workshops gegeben. Am Samstag hätten wir auf der Saatgut-Börse in Leipzig mit der Saat.1-Quizshow und einem Workshop mit vielen Saatgut-Begeisterten über den Erhalt der Nutzpflanzenvielfalt gesprochen. Wie auch viele andere Veranstaltungen fiel beides aus um die Pandemie einzudämmen. Wir stehen jetzt selbst vor der Herausforderung, dass manche geplanten Projekte vorerst auf Eis liegen. Wir werden versuchen, für unsere Termine an Berufsschulen und Universitäten Nachholtermine zu vereinbaren und denken gleichzeitig über Online-Formate nach.

# Saatgut-Mitmachaktion und Vorstellung von Saatgut-Initiativen

Positiv stimmt uns die Saatgut-Mitmachaktion: Wir haben schon von vielen von euch positive Rückmeldungen bekommen. Gerade jetzt ist es toll, sich Wissen über Saatgut anzueignen und viele haben jetzt mehr Zeit, im eigenen Garten die Saatgutvermehrung zu erproben. Gleichzeitig nehmen auch viele Gemeinschaftsgärten, Schulen und Kindergärten an unserer Mitmachaktion teil, die sich vermutlich aufs nächstes Jahr vertrösten müssen. Die Saatgut-Aktion mit allen Infos werden wir weiter durchführen und sind schon gespannt auf eure Saaten und Taten. Ihr könnt euch weiterhin anmelden, auch wenn unsere Saatgut-Vorräte schon alle verschickt sind. Saatgut bekommt ihr z.B. bei Sativa. Auch fortgeführt wird unser laufendes Projekt „Aus der Welt der Saatgutinitiativen“, bei dem wir inspirierende Beispiele von bäuerlichen Saatgutsystemen von hier und aus anderen Teilen der Welt vorstellen.

# Aktionsradtour, Aktionen und wie geht’s weiter

An unserer Aktions-Radtour zum Thema Saatgut im September halten wir vorerst fest und werden euch über die weiteren Planungen auf dem Laufenden halten. Weitere angesetzte politische Aktionen, u.a. zum Thema neue Gentechnik, müssen wir jetzt auch nochmals neu konzipieren und uns andere Formate überlegen.

Wir werden uns auch in diesen schweren Zeiten bestmöglich für die Agrarwende, für Saatgut als Gemeingut und gegen das Höfesterben einsetzen. Dafür tüfteln wir schon an neuen Ideen und werden in Kürze unsere Vorhaben präsentieren.

Lasst uns trotz all des Ernstes der Lage die Hoffnung nicht verlieren und die Krise auch als Chance aufgreifen.

Bleibt gesund, passt auf euch auf, helft einander aus und bleibt solidarisch.

 

Euer Team von Aktion Agrar

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Michael Krack
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