In Bewegung für klimagerechte Landwirtschaft

Diese Tage hatten es in sich: Über 1,4 Millionen Menschen haben am 20. September in Deutschland mit fridays for future auf der Straße für unsere Zukunft gestreikt. Mehrere hundert Aktivist*innen von Free the Soil haben kurz danach für über 27 Stunden in Brunsbüttel eine Fabrik des weltweit größten Düngemittelproduzenten Yara blockiert. Warum Agrarindustrie und synthetische Düngemittel keine Lösungen für eine klimagerechte Zukunft sind und wie wir uns für eine bäuerliche und klimafreundliche Landwirtschaft einsetzen können, haben wir zu diesen Anlässen mit vielen Menschen diskutiert und Infos dazu gibt es hier zum Nachlesen.

Mit dem Schwung von der großen und bunten Klima-Demo in Hamburg sind wir nach Brunsbüttel zum Klimacamp von Free the Soil gefahren. Die Stimmung auf dem Camp war super und es war deutlich zu spüren, dass Landwirtschaft vielen Menschen eine Herzensangelegenheit ist. Aus gegebenem Anlass – die Aktion gegen die klimaschädliche Produktion des Düngemittelkonzerns Yara – haben wir einen gut besuchten Workshop gegeben.

 

Das Thema: Alternativen zu synthetischen Düngemitteln und ökologisches Nährstoffmanagement

 

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Dafür haben wir uns zunächst einmal gefragt, warum überhaupt gedüngt werden muss. Pflanzen brauchen für ihr Wachstum Nährstoffe, hauptsächlich Stickstoff, Phosphor und Kali neben anderen Stoffen und Spurenelementen wie bspw. Magnesium oder Eisen. Weil wir in der Landwirtschaft  über die Ernte die Nährstoffe, die oberirdisch in den Pflanzen gespeichert sind, vom Feld „wegernten“, müssen wir uns überlegen, wie diese Nährstoffe wieder auf den Acker zurück kommen.  Das kann durch Düngung passieren oder durch das Bodenleben und damit den Acker selbst, z.B. durch stickstofffixierende Bakterien im Boden. Als im 20. Jhd. durch das Haber-Bosch-Verfahren ermöglicht wurde, Stickstoff über einen künstlichen Prozess aus der Luft zu gewinnen und der Abbau von mineralischem Phosphor und Kali ausgeweitet wurde, verbreitete sich die Praxis der industriellen Landwirtschaft, durch gezielte Gaben von synthetischem und mineralischen Dünger die Pflanze direkt zu düngen. Was dabei allerdings missachtet wird, ist die negative Auswirkung dieser Kunstdünger auf das Bodenleben. Außerdem wird durch diese Art der Düngung die wunderbare Arbeit der stickstoffixierenden Bodenbakterien und die Beziehungen von Pflanzen mit Bakterien oder mit Pilzen an ihren Wurzeln vollkommen missachtet. Diese Organismen übernehmen eigentlich auf ganz ökologische Weise für uns die Arbeit, dem Boden und den Pflanzen Stickstoff und andere Nährstoffe zuzuführen. Hinzu kommt, dass bspw. die Produktion von synthetischem Stickstoff Unmengen an Energie braucht. So ist Yara der größte Stickstoffproduzent weltweit und gleichzeitig der größte Konsument von Erdgas in Europa. Synthetische Dünger werden leichter als organische Dünger ausgewaschen und verschmutzen das Grundwasser. Sie führen zu massiver Bodenerosion, versauern den Boden und wirken sich negativ auf das Bodenleben aus. Überdüngte Pflanzen sind anfälliger für Schädlinge, weshalb dann oft mehr gespritzt werden muss. 

Viele Gründe also, die gegen den Einsatz von synthetischen Düngern sprechen. Doch was sind Alternativen für ein ökologischeres Nährstoffmanagement? Gemeinsam mit den Teilnehmenden haben wir eine ganze Menge Möglichkeiten gesammelt:

  1. Organische Düngemittel verwenden: Von einfach aufzubringenden Stoffen wie Pflanzenresten, Kompost, Tiermist oder Jauche, bis hin zum Anbau von stickstoffbindenden Leguminosen (Hülsenfrüchtler), Zwischensaaten, längeren Fruchtfolgen und ausgeklügelten Mischkulturen
  2. Humus aufbauen: Pfluglose Ackerbearbeitung (ohne Herbizide), dauerhafte Bodenbedeckung, geeignete Fruchtfolgen und weniger Bodenverdichtung
  3. Nährstoffkreisläufe schließen: Insbesondere Phosphor kann aus Fäkalien und anderen organischen Abfällen rückgewonnen werden, mit einer funktionierenden Kompostwirtschaft gehen Nährstoffe nicht verloren
  4. Systemische Ansätze ausprobieren: Hier bieten regenerative Landwirtschaft, Agroforst (Landwirtschaft mit Bäumen), Agrarökologie und Permakultur sowie Solidarische Landwirtschaft und der Ansatz der Ernährungssouveränität interessante Perspektiven

Die Grundidee eines ökologischen Nährstoffmanagements ist also, nicht die Pflanze direkt zu düngen, sondern den Boden zu ernähren, der wiederum die Pflanze ernährt. Und die Pflanze wiederum ernährt den Boden. Ein wunderschöner ökologischer  Kreislauf also, statt einseitig nur die Pflanze zu betrachten.

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Aus dieser großen Sammlung ist die Frage entstanden, was wir als Aktivist*innen zur Stärkung der Alternativen auf Klimacamps, bei Aktionen und in unserem Alltag tun können. Es war sehr schön zu hören, dass viele Menschen ein offenes Ohr für die Antworten von Bäuerinnen und Bauern haben. Anstatt mit erhobenem Zeigefinger auf sie zuzugehen, haben die Aktivist*innen ihre Unterstützung betont, sich inklusive Lösungen gewünscht und für ein breiteres Verständnis von bäuerlichen Herausforderungen geworben. Mit dem direkten Engagement der Aktivist*innen gegen die negativen Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft wird in der Öffentlichkeit Druck erzeugt und daraus kann Hoffnung für eine klimagerechte, ökologischere und sozialere Landwirtschaft geschöpft werden.

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Diese Botschaften haben wir wieder zurück in die Stadt getragen und Menschen über die stattfindende Aktion informiert. Mit unserer “Aktion  SOILidarity” haben wir auf Hamburgs Straßen motivierende Botschaften an die  Aktivist*innen, Wünsche für eine zukunftsfähige Landwirtschaft und  Forderungen an die Politik gesammelt.

 

Unser Fazit: Bäuerliche Praxis statt Chemiebaukasten!

Oder wie es ein Banner auf der Wir-haben-es-satt-Demo schon zusammengefasst hat:

“Lasst die Konzerne in weiter Ferne – pflanzt Kleegras und Luzerne!”

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