Soja-Anbau in Brasilien

Brasilien gilt als das wichtigste Sojaland der Welt. Zusammen mit den USA steht es an der Spitze der Sojaproduktion, exportiert aber einen größeren Teil seiner Ernte nach China und nach Europa. Auf einer Fläche ungefähr so groß wie Deutschland, wächst in Brasilien die Sojabohne in Monokultur.

46% der exportierten Produkte des Landes stammten 2015 aus der Landwirtschaft, Soja war dabei das wichtigste Exportgut. Gewinner*innen des Sojabooms sind die Großgrundbesitzer*innen: sie haben das Land (76 Prozent der bewirtschafteten Flächen), das Geld (86 Prozent der Agrarkredite) und die Exportgewinne (60 Prozent ihrer Produktion wird exportiert). Die Kleinbäuer*innen verlieren, obwohl sie für Ernährung und Lebensunterhalt von vielen Menschen sorgen: sie bewirtschaften nur 24 Prozent der Flächen, erzeugen 70 Prozent der Lebensmittel für den inländischen Markt und stellen die Arbeitsplätze für 74 Prozent der in der Landwirtschaft Beschäftigten.

Die Wälder weichen

Für die gigantischen Sojafelder wurden und werden Wälder im großen Stil gerodet. Laut der brasilianischen Statistikbehörde IBGE wurden allein zwischen den Jahren 2000 und 2014 rund 10 Prozent der Wälder abgeholzt. Auch im Amazonas-Gebiet mit dem besonders wertvollen Regenwald finden immer wieder illegale Rodungen statt. Und das obwohl nach jahrelangen weltweiten Diskussionen 2006 ein Sojamoratorium zum Schutz der Tropenwälder in Brasilien beschlossen wurde. Es verbietet das Roden der Regenwälder für den Sojaanbau. Die Regeln wurden 2009 verschärft, so dass auch Rinderherden nicht mehr auf frisch gerodeten Flächen weiden dürfen. Die Kreativität beim Umgehen dieser Regeln ist aber weitgreifend.

Satellitenaufnahmen von 2016 zeigen, dass die Abholzung des Amazonaswaldes um fast 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen hat. 8000 Quadratkilometer Wald wurden vernichtet – das entspricht der neunfachen Größe Berlins. Neben dem tropischen Regenwald ist der Trockenwald Cerrado ein sehr wichtiges und das zweitgrößte Ökosystem Südamerikas.

Nicht alle Rodungen werden direkt vom Soja-Anbau ausgelöst. Auch Viehzucht und Minenkonzerne spielen eine Rolle. Aber wenn man sich vor Augen führt, dass die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Brasilien in den letzten 15 Jahren fast um die Hälfte gewachsen ist und dies zum Großteil dem Sojaboom zuzuschreiben ist, wird das Ausmaß des Flächenverbrauchs deutlich. Die „Grüne Wüste“ des Bundesstaates Mato Grosso mit Sojapflanzen bis zum Horizont zeigt diese Dramatik deutlich.

Konflikte um Land

Mit der Ausweitung des Soja-Anbaus gehen Konflikte um Landnutzungsrechte einher. Nicht selten werden Kleinbäuer*innen und indigene Gemeinschaften von dem Land vertrieben, das sie seit vielen Jahren bewirtschafteten. Die Konflikte fordern Todesopfer auf Seiten der Kleinbäuer*innen und Indigenen, beispielsweise bei den Guarani-Kaiowá im Bundesstaat Mato Grosso do Sul (Mehr Infos von FIAN Deutschland).

Seitdem in Brasilien seit Mitte 2016 die liberal-konservative Regierung unter Michel Temer an der Macht ist, wird die exportorientierte Agrarindustrie weiter gestärkt. Zum Agrarminister ernannte er den größten Sojaproduzenten der Welt, Blairo Maggi (Firma Amaggi). Die Landlosenbewegung kritisiert, dass neue Gesetze Waldrodungen erlauben oder die Kontrollen und die Verfolgung von sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnissen erheblich erschweren. Das von der Vorgängerregierung eingerichtete Landwirtschaftsministerium für kleinbäuerliche Betriebe wurde vom neuen Präsidenten aufgelöst.

Gentechnik – geht es auch ohne?

Über 90 Prozent der brasilianischen Soja ist gentechnisch so verändert, dass die Pflanzen einem Totalherbizid widersteht, das jede andere grüne Pflanze tötet. Das bekannteste Herbizid ist Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs auszulösen. Wo es in hohen Dosen eingesetzt wird, berichten Plantagenarbeiter und Anwohnende von zahlreichen weiteren Gesundheitsproblemen. Da sich inzwischen resistente Unkräuter gebildet haben, spritzen die Landwirte Pestizide in immer höheren Dosierungen und greifen auf Gifte zurück, die wegen ihrer Gefährlichkeit seit Jahren nicht mehr ausgebracht wurden. Das führt zu Rückständen der Pestizide im Trinkwasser und im Boden, eine weitere Gefahr für Menschen und Umwelt.

Wie kam die Gentechnik ins Land? Lange Zeit bestand in Brasilien ein Anbauverbot für gentechnisch veränderte Pflanzen. Seit 1997 wurde das entsprechende Saatgut illegal aus Argentinien eingeschmuggelt. Die Gentechnik-Firma Monsanto versuchte jahrelang, den Anbau von gentechnisch veränderter Soja in Lateinamerika durchzusetzen. Im Jahr 2004 waren über 80 Prozent der Sojaernte im Bundesstaat Rio Grande do Sul gentechnisch verändert. Daraufhin folgte 2005 die offizielle Genehmigung der brasilianischen Behörden.

Dennoch ist Brasilien nach China zugleich der zweitgrößte Exporteur von konventioneller (Non-GMO) Soja. 2015 waren rund 17 Prozent der weltweiten Ernte gentechnikfrei. Von diesen 56 Millionen Tonnen wurden aber nur 5 Millionen Tonnen als gentechnikfrei zertifiziert und verkauft. Von dieser zertifizierten Soja liefert Brasilien wiederum 80 Prozent. Gentechnikfreie Soja aus Brasilien wird nach dem Pro Terra Standard zertifiziert, bei dem auch Naturzerstörung sowie der Einsatz besonders giftiger Pestizide ausgeschlossen und die Verletzung von Sozialstandards sowie Landraub unterbunden werden sollen. Eine solche freiwillige und private Zertifizierung ersetzt aber keine staatlichen Regelungen zum Anbau und Import von gentechnisch veränderten Pflanzen. Außerdem basiert die Zertifizierung auf funktionierenden und strengen Kontrollen. Ob und wie häufig diese stattfinden, sei laut der Kritik von NGOs oft nicht nachvollziehbar. Mehr zu Sojasiegeln kannst du hier erfahren (Link Seite Sojasiegel).

Prof. Andrioli im Interview

Im Interview mit Aktion Agrar spricht Prof. Dr. Antonio Andrioli von der ersten brasilianischen Universität, die auf Initiative von Kleinbäuer*innen und Indigenen entstanden ist, über die gesellschaftlichen und ökologischen Folgen des Soja-Anbaus in Brasilien.

 

Agrocalypse

Der “Film Agrocalypse – der Tag, an dem die Gensoja kam” (Regie und Kamera Marco Keller, 2016) zeigt Ausmaß und Probleme des Soja-Anbaus in Brasilien. Den Film könnt ihr zur Zeit hier in den Kinos sehen oder selbst eine Veranstaltung mit dem Film organisieren. Schau dir den Trailer an:

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