Milchkrise – was kaufen?

In den letzten Wochen wurden wir häufig gefragt: was können Verbraucher*innen eigentlich gerade tun, um Milchbetriebe zu unterstützen. Die Antwort ist nicht einfach – den Versuch darauf findet ihr hier.

Zu Beginn erstmal die ernüchternde Nachricht: Milchbäuer*innen sagen uns, dass individuelle Kaufentscheidungen (und auch Verzicht) gerade sehr wenig bewegen. Nur politische Weichenstellungen und eine Reduzierung der Milchmenge am Markt können jetzt noch Höfe retten. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit einem Appell an Agrarminister Schmidt politisch engagieren und auch mal an einer Protestaktion teilnehmen. Zum Beispiel dieser hier…

Natürlich bleibt die Frage: Kann ich zusätzlich was an der Kasse tun, kann ich vermeiden, mit meinem Kauf, etwas noch schlimmer zu machen? Deshalb haben wir hier einige Anregungen und Vorschläge zusammengefasst und freuen uns über weitere Ergänzungen von Euch.

Milch an der Tankstelle

Fangen wir mit dem Besten, der Direktvermarktung an: gibt es vielleicht in Deiner Nähe eine Milchtankstelle“? Hier kannst Du mit einem eigenen Behälter direkt Milch zapfen. Die Website milchtankstelle.com listet fast 150 Milchtankstellen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden.

Auch der Einkauf auf dem Markt direkt vom Erzeuger ist spitze! Auf vielen Bauern- und Wochenmärkten gibt es Stände mit eigener Milch vom Hof. Ansonsten steht aber zwischen Verbraucher*innen und Bäuerinnen und Bauern die Molkerei.

Bio oder nicht bio?

Biomilch bedeutet weniger Belastung für die Böden, bessere Lebensbedingungen für die Kühe – und im Moment auch weniger Preisdumping für die Höfe. Das hat auch zur Folge, dass hier das Angebot langsam steigt und etliche Betriebe überlegen, ob sie umstellen würden.

Im Sinn der Höfe-Rettung wird in den nächsten Jahren besonders die Milch von Umsteige-Betrieben ein wichtiges Thema sein, denn mindestens zwei Jahre dauert die Umstellungsphase, in der schon höhere Kosten anfallen, aber noch nicht höhere Einnahmen. Für den Milchkauf im Supermarkt gilt: Bio-Milch (Demeter, Bioland oder Naturland) kaufen, ist konsequent. Bei Bio-Eigenmarken beginnt auch schon wieder ein schlimmer Preisdruck (so senkte Aldi gerade die Preise für seine Biomilch ab).

Wenn bio, dann haltet Ausschau nach dem Siegel „Naturland Fair“. Das steht für einen gezahlten Milchpreis, der deutlich über den aktuellen Dumping-Preisen liegt. Weil es vom Bio-Anbauverband Naturland stammt, ist Naturland Fair zugleich ein sehr hochwertiges Bio-Siegel und strenger als das EU-Bio-Siegel. Fairtrade-Produkte wie etwa Gepa-Schokolade verwenden Naturland-Fair-Milch als Zutat.

Im Supermarkt

„sternenfair“ beispielsweise bietet den Landwirt*innen für jeden Liter einen festen Preis, unabhängig von Preisschwankungen im Markt, der aktuell bei 40 Cent liegt. Um Milch als „Sternenfair“ verkaufen zu können, müssen die Bäuerinnen und Bauern sinnvolle Auflagen erfüllen, etwa besseres Futter verwenden und auf Gentechnik und den Einsatz von Glyphosat verzichten. Sternenfair-Milch gibt es flächendeckend bei Rewe in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Hier gibts eine Suche nach Postleitzahlen. Rewe vermarktet regionale Produkte über das „Regionalfenster“.

40 Cent sollen auch diejenigen Bäuerinnen und Bauern erhalten, die ihre Milch unter dem Label „Die faire Milch“ verkaufen. Seit Februar 2013 wird „Die faire Milch“ von einer Molkerei in Sachsen abgefüllt und ist seit März 2013 in verschiedenen EDEKA-Geschäften erhältlich. Kritik von Verbraucherschützer*innen gab es, da nur diejenigen 25 % der Milchmenge, die in der Produktaufmachung verkauft werden kann, mit 40 Cent entlohnt werden. Ob die Milch regional produziert worden ist, kann nicht nachvollzogen werden.

Achtung, Mogelpackungen!
Einige Molkereien sind allerdings auf seltsame Ideen gekommen. So gibt es eine ARLA- Weidemilch, die höhere Qualitätskriterien hat und bessere Preise für die Bäuerinnen und Bauern verspricht. Allein – der Mehraufwand für die Betriebe liegt deutlich höher als der winzige Preisaufschlag. So rettet man keine Höfe.

Für Spezialist*innen
Wenn ihr genau wissen wollt, wo eure Milch herkommt: es gibt einen „Milch-Code“ auf jeder Packung, meistens an der Lasche über der Verschlusskappe, zum Beispiel „DE BY 77723 EG“ oder „AT 30751 EG“. Die zwei Buchstaben zu Beginn geben das Herkunftsland an, etwa DE für Deutschland oder AT für Österreich (Liste). Bei DE-Nummern gibt es zusätzlich Bundesland-Kürzel und die Datenbank des BVL gibt bei Eingabe des Zahlenteils („77723“) im Feld Zulassungsnummer aus, aus welcher deutschen Stadt die Milch stammt.

Mit Siegeln ausgestattet: Naturland, fair und regional

Im Süden Deutschlands sind die Produkte der Molkerei Berchtesgadener Land mit diesem Siegel versehen. „Fair“ meint hier konkret (Stand Mai 2016): Milch von Naturland-Betrieben kauft diese Molkerei für 52,58 Cent pro Liter ein, von Demeter-Betrieben für 53,69 Cent pro Liter – während der Abnahmepreis etlicher Molkereien für konventionelle Milch gerade auf unter 20 Cent pro Liter gesunken ist.

In Brandenburg ist die Molkerei Lobetaler Bio ebenfalls Naturland-Fair-zertifiziert. Darüber hinaus ist gegenwärtig keine andere Molkerei Naturland Fair zertifiziert, es ist auch im Moment keine weitere Zertifizierung in Aussicht.

In Hessen bemüht sich die Upländer Bauern-Molkerei (Bio-Anbauverband Bioland) um faire Milch. Sie fing schon 2002 an, einen freiwilligen Aufschlag für Bio-Milch zu zahlen. Außerdem ist sie Mitglied im Bio&Fair Verein, die ebenfalls ein Siegel vergeben, das für faire Preise steht.

Aktion Agrar fordert unter anderem eine geschützte Kennzeichnung für Heu- und Weidemilch, um tiergerechte Haltungsformen zu unterstützen und Verbraucher*innen zusätzliche Kriterien an die Hand zu geben, nach denen sie Kaufentscheidungen treffen können. Denn heute steht so manches Mal z.B. „regional“ auf einer Packung, die nur unter anderem mit regionaler Milch gefüllt ist.

Unser Fazit? Regional kaufen, wo es geht und regionale Initiativen unterstützen. Im Supermarkt nicht die billigste Milch kaufen und auch mal nachhaken, warum keine „guten“ Produkte geführt werden, die Milchbäuerinnen und -bauern ein Auskommen bieten. Und natürlich: unseren Appell unterschreiben und weiterleiten!


Quellen:
http://www.diefairemilch.de/index.html
http://www.naturland.de/index.php?option=com_content&view=category&layout=blog&id=148&Itemid=888&lang=de
http://regionalwert-hamburg.de/post/144538249390/im-land-wo-zu-viel-milch-flie%C3%9Ft-und-was-man-f%C3%BCr
http://utopia.de/milchpreis-faire-milch-marken-kaufen-18796/
http://utopia.de/ratgeber/ratgeber-welche-milch-soll-ich-kaufen/
openjur.de/u/270263.html

Bild: Doris Hausen / cc

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Karen Schewina
Karen Schewina

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