Darum geht’s

Amazon will an deinen Kühlschrank

 
Am 4. Mai startete der US-amerikanische Online-Händler Amazon fresh in Berlin und Potsdam. Auch in Hamburg können Amazon Prime Kund*innen für eine Grundgebühr von rund 18 Euro1 im Monat frische Lebensmittel online bestellen und bekommen sie am selben oder am nächsten Tag in einer Kühlbox über DHL an die Haustür geliefert. Im Osten von München ist Berichten zufolge ein Amazon fresh – Logistikzentrum im Bau. In absehbarer Zeit will der Online-Händler in ganz Deutschland Lebensmittel liefern.

Damit steigt ein Konzern in den Lebensmittelhandel ein, der schwer berechenbar und für sein aggressives Marktverhalten bekannt ist. Datensammelwut, massive Verletzung von Arbeitnehmer*innenrechten, Steuervermeidung in Millionenhöhe und der Ruin vieler kleiner Buchläden verheißen nichts Gutes für die Landwirtschaft und die Lebensmittelbranche. In den USA hat der Online-Riese gerade die Bio-Supermarktkette „Whole Foods“ gekauft und prompt die Preise der bestverkauften Produkte um mehr als 40 Prozent gesenkt – ein solcher Ausverkauf kann Bauernhöfen und Zulieferer*innen schwer zu schaffen machen.

Wir brauchen kein Amazon fresh, das Millionen von Kundin*innen mit Dumpingpreisen an sich bindet. Wir brauchen gutes, gesundes sowie umwelt- und tiergerechtes Essen aus der Region. Eine Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft liegt in fairen Preisen und in der Unabhängigkeit der Landwirte von Konzernen. Dahin führen kurze regionale Lieferketten und eine Auswahl an Möglichkeiten der Vermarktung – online und offline.

Unterzeichnen Sie jetzt den Appell!

 

Dein täglich Brot von Amazon?

 
Der Lebensmitteleinzelhandel ist in Deutschland bereits sehr umkämpft und wird heute von vier Konzernen dominiert. Im Jahr 2015 teilten sich Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland 85 Prozent des Lebensmittelmarktes. 1999 gab es noch acht große Lebensmittelhändler mit 85 Prozent Marktanteil. Die Supermarktketten diktieren die Preise und setzen Erzeuger*innen massiv unter Druck.

Direktvermarktung über Online Plattformen könnten eine schöne Möglichkeit für Erzeuger*innen darstellen, die großen Ketten zu umgehen – Amazon macht das aber mit seiner Online-Übermacht in Zukunft sehr schwer. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass der Konzern bereit ist, massive Verluste in Kauf zu nehmen, um andere Händler und Erzeugerinnen zu unterbieten und um sich aggressiv in einer neuen Branche auszubreiten. Solch einen langen Atem hat kein Milchbetrieb in Brandenburg.

Der Online-Handel mit Lebensmitteln steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Und trotz der Konkurrenz von anderen Lieferdiensten, wie z.B. von Rewe, und trotz der Tatsache, dass viele Menschen doch noch lieber selbst im Laden Lebensmittel kaufen, ist Amazon überzeugt, gigantisch wachsen zu können. Mit Lebensmitteln will der Konzern in einen weiteren Lebensbereich seiner Kund*innen eindringen. Neben Büchern, Medien und Elektronik, gibt es längst auch Kleidung, Haushaltswaren, einen erfolgreichen Cloud-Service sowie Filmstudios von Amazon. Mehr dazu hier…
 

Was kommt da auf uns zu?

 
Amazon fresh ist leider nicht der einzige Schritt in Richtung Kühlschrank, den der Konzern bereits unternommen hat. In den USA experimentiert er mit verschiedenen Konzepten wie z.B. physischen Läden ohne Kassen und Personal, oder Abholstellen wo Kund*innen das online Bestellte schnell in den Kofferraum geladen bekommen.

Im Juni hat der Konzern die Bio-Supermarktkette Whole Foods gekauft. Was der Online-Riese mit den Filialen vor hat, weiß nur die Black Box Amazon selbst. Die Preise der best-verkauften Produkte sind allerdings schonmal um 40 % gefallen. Viele Bäuer*innen befürchten, dass die Übernahme Erzeugerpreise senken und kleine Betreibe, die bisher an Whole Foods lieferten, unter Druck setzen wird. Arbeiter*innen entlang der Whole Foods – Lieferkette befürchten Entlassungen und Lohndumping, United Food and Commercial Workers (UFCW), eine der größten Gewerkschaften in den USA, befürchtet, dass tausende Arbeitsplätze durch die Übernahme verloren gehen. Mehr zu den verschiedenen Verkaufsformaten gibt es hier…
 

Der Kunde ist König – der Rest ist egal?

 
Amazon schreibt sich auf die Fahnen, alles für seine Kund*innen tun zu wollen und verwöhnt sie dabei im Service, bei Lieferzeiten, Preisen und Umtauschregelungen dermaßen, dass andere Händler nicht mehr mithalten können. Dabei nutzt der Konzern deren Bequemlichkeit aus, um ihre Daten zu ergattern und setzt darauf, dass sie ihm den ausbeuterischen Umgang mit Mitarbeiter*innen und Steuertricks nachsehen. In Deutschland kämpft die Gewerkschaft verdi an den acht Logistik-Standorten seit Jahren für einen Tarifvertrag auf dem Niveau des Einzel- und Versandhandels. Amazon orientiert sich am Lohn der Logistikbranche, zahlt wenig und bietet hauptsächlich befristete Arbeitsverträge2. Mit Leiharbeiter*innen zu Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft geht der Konzern besonders rücksichtslos um3. Etliche Pakete für deutsche Kund*innen werden in Polen bei Breslau gepackt, wo deutlich schlechtere Löhne gezahlt werden und mit Streiks nicht zu rechnen ist4. Bis zum Mai diesen Jahres hat Amazon trotz seiner Standorte in Deutschland noch nie Steuern gezahlt – die Firma saß in Luxemburg und die Logistik-Zentren galten nicht als Betriebsstätten. Die Steuereinnahmen werden aber auch dieses Jahr gering ausfallen, weil der Konzern trotz eines gigantischen Umsatzes kaum Gewinne macht, sondern alles in seine weitere Expansion steckt.

 

Konzernfrei einkaufen – online und offline

 
Was wir einkaufen und wo, das entscheiden wir jeden Tag selbst. Jetzt gilt es, lokale Händler und Landwirt*innen aus der Region zu unterstützen! Lasst uns eine Welle des konzernfreien Einkaufens lostreten und Freund*innen und Bekannte dafür gewinnen.

Konzernfrei einkaufen heißt, die Großunternehmen zwischen Acker und Teller zu umgehen. Einkaufen ohne Supermarktketten ist möglich – und ohne Amazon sowieso. Produkte großer Hersteller, die für Tierleid oder nicht-nachhaltige Landwirtschaft stehen, gehören ebenso nicht in den konzernfreien Einkaufskorb. Je kürzer die Wertschöpfungskette am Ende ist, desto mehr Geld bleibt für die Bauernhöfe und in der Region. Außerdem wird die Umwelt bei kurzen Wegen geschont. Mehr Ideen für deinen konzernfreien Einkaufskorb findest Du hier…
 

Unsere Forderungen

 

Konzernmacht begrenzen…

 
Amazon ist in Deutschland marktbeherrschend im Online-Bereich. Wir machen uns stark dafür, dass das nicht so bleibt. Wichtige Diskussionsansätze gibt es schon:

  • Der Präsident des Bundeskartellamts Mundt ist bereits auf Amazon aufmerksam geworden und will die Einzelhändler und Verbraucher*innen vor aussterbenden Innenstädten schützen. Allzu oft gebe es Verbote großer Hersteller, dass ihre Händler Ware online verkaufen, obwohl sie selbst mit Amazon kooperieren5.
  • Auf EU-Ebene richtet sich ein fraktionsübergreifender Aufruf von Parlamentarier*innen an Wettbewerbskommissarin Vestager, eine mögliche Marktbeherrschung im Online-Handel zu untersuchen6.
  • Im Bündnis mit weiteren Organisationen fordert Aktion Agrar, das Wettbewerbsrecht zu stärken und Konzernmacht zu begrenzen. Dies gilt auch für Amazon. Darüber kannst du hier mehr lesen…

 

…und Direktvermarktung stärken

 

  • Bereits jetzt beklagt die EU-Kommission die unfairen Handelsbedingungen zwischen Landwirt*innen und mächtigen Zwischenhändlern7. Um als regionaler Anbieter in einem Supermarkt wie Rewe gelistet zu werden, gibt es hohe Hürden. Direktvermarktung muss für Landwirte einfach zu gestalten sein – online und offline, abseits der Großkonzerne. Dafür braucht es (mehr) Fördergelder von Bund und Ländern.
  • Die Vermarktung auf regionalen Online-Plattformen muss gefördert werden, es braucht Phantasie und konzernfreie Infrastruktur, um hier eine gute Entwicklung voran zu bringen. Ein gutes Beispiel einer lokalen Online-Plattform ist das Kiezkaufhaus, das den Wiesbadenern Produkte ihrer lokalen Einzelhändler*innen mit Lastenfahrrädern liefert (LINK kiezkaufhaus.de). Eine Besonderheit: aufgeführt sind nur Unternehmen, die auch in Deutschland Steuern zahlen. Vielleicht auch etwas für deine Stadt?

 

Darum starten wir die Kampagne jetzt

 
Amazon fresh steht in Deutschland in den Startlöchern und wir wollen ihre Testphase stören. Mit vielen Mitstreiter*innen können wir dafür sorgen, dass Amazon in Deutschland keinen Fuß in den Lebensmittelmarkt bekommt. Gemeinsam können wir „Amazon fresh“ die rote Karte zeigen. Für „Essen ohne Amazon“. Für gutes, gesundes sowie umwelt- und tierverträgliches Essen und eine Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft!
 

Jetzt Aufruf unterzeichnen und an Freund*innen und Bekannte weiterleiten!

 


1 Amazon Prime Mitgliedschaft 7,99 € monatlich, plus 9,99 € monatliche Amazon fresh Gebühr
2 Tagesschau.de (07.04.2017): Amazon-Mitarbeiter streiken an vier Standorten https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verdi-amazon-101.html, ver.di (2014): amazon-verdi.de – unsere Ziele, https://www.amazon-verdi.de/31
3 ARD (2013): Ausgeliefert: Leiharbeiter bei Amazon, https://www.youtube.com/watch?v=xdrkY_NpgrY
4 Zdf (2016): Zoom+ – Die Macht von Amazon, https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-die-macht-von-amazon-100.html
5 Merkur.de (2017): Kartellamt will kleine Händler vor Amazon und Co. schützen, https://www.merkur.de/wirtschaft/kartellamt-will-kleine-haendler-vor-amazon-und-co-schuetzen-zr-8603961.html
6 Welt.de (2016): Die heikle Dominanz von Amazon, Otto und Zalando, https://www.welt.de/wirtschaft/article158277886/Die-heikle-Dominanz-von-Amazon-Otto-und-Zalando.html
7 Euractiv.de (2017): EU-Kommission startet Anhörung für mehr Fairness auf dem Lebensmittelmarkt, https://www.euractiv.de/section/landwirtschaft-und-ernahrung/news/eu-kommission-startet-anhoerung-fuer-mehr-fairness-auf-dem-lebensmittelmarkt/