… pestizid-freie Landwirtschaft bedeutet auch Freiheit!

Wieviel Pestizidreduktion ist möglich, wie kam es im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh zu einem Pestizid-Ausstiegsbeschluss – und was muss passieren, damit es in Deutschland auch gelingt, die eingesetzten Mengen von Pflanzenschutzmitteln zu senken?
Richtig voll wurde es am Dienstag, den 27.11., in der Event-Scheune des Hotels Sachsenross in Nörten-Hardenberg. Aktion Agrar, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt hatten zu Diskission eingeladen, 35 Menschen waren ihr gefolgt, die allermeisten von ihnen Landwirt*innen, mehr als zwei Drittel mit konventionellen Betrieben.

Eingangs berichtete Dr. Ramanjaneyulu vom Centre for Sustainable Agriculture, (CSA) in Indien. Er berät seit rund 20 Jahren Bäuerinnen und Bauern, wie sie auf synthetische Pestizide verzichten können und ihren Böden und Pflanzen Gutes tun.
Beklemmend waren Ramoos Schilderungen, die Susanne Triesch für das Publikum perfekt übersetzte, von unglaublich vielen Selbstmorden unter Bauern und extrem niedrigen Familieneinkommen. Vergiftungsfälle sind bei den Kleinstbetrieben häufig, da die Bauern die Giftspritzen auf ihrem Rücken tragen und selbst im Nebel der Wirkstoffe stehen. Resistenzen und immer wieder sinkende Preise für die Produkte machten aus dem Wirtschaften mit Pestiziden ein Fass ohne Boden – von Klimaschutz und Artenvielfalt ganz zu schweigen.
Mehrfach hat die Regierung Andhra Pradeshs Bildungsprogramme gefördert. Jetzt hat sie verkündet, ab 2027 eine komplett pestizid-freie Landwirtschaft erreichen zu wollen. Das neue Wissen um Pflanzenschutz mit heimischen Mitteln, wie Knoblauch, Chili, Neemöl und Rinder-Urin verschaffe den Bauern Entscheidungs-Freiheit.
Trotz aller Unkenrufe, insbesondere vonseiten der Industrie, zeigte sich in den pestizid-freien Dörfern, dass die Erträge der Höfe leicht gestiegen, während die Kosten um durchschnittlich 20% gefallen sind.

Im Anschluss sprach Matthias Erle, konventioneller Landwirt in der Gemeinde Gleichen, südlich von Göttingen. Er mästet Schweine und baut Getreide, Zuckerrüben, Winter- und Sommergerste sowie Ackerbohnen an. Den Raps hat er gerade aufgegeben, dessen Erträge waren extrem gering und die gelben Ölpflanzen waren seine „Spritzkultur Nummer 1“.
Er berichtete, wie wichtig es ihm geworden ist, gesunde Sorten anzubauen, die resistenter sind als andere vor allem gegen Pilze. Immer wieder schaut er dabei auch nach Resultaten von Landessortenversuchen im Ökolandbau. Seit Jahren macht er gute Erfahrung mit dem sogenannten Argus-Monitoring, für das er Pflanzenproben in ein Labor schickt und genaue Informationen erhält, welche Krankheiten seine Pflanzen tatsächlich drohen. Seit Fungizid-Einsatz liegt dadurch um 30 bis 40 Prozent unter den Empfehlungen der Offizialberatung der Landwirtschaftskammer. Gerade in einem trockenen Jahr wie 2018 stellte er fest, dass auch in Niedersachsen die Kosten für den Pestizideinsatz für den einzelnen Betrieb wieder relevant werden.
Um Kosten geht es zu seinem Bedauern auch oft bei der Entscheidung für Glyphosat: „Während ich für einen guten Grubberstrich 40 Euro pro Hektar rechnen muss und etwa 60 für die Pflugfurche, kann ich mit Glyphosat den Acker für 12,50 Euro sauber machen.“ Allerdings ist sich Erle sicher, dass der Verzicht auf Glyphosat gelingen wird.

In der anschließenden Diskussion gab es Zuspruch und scharfe Kritik für beide Beiträge. Ein Vertreter der Landwirtschaftskammer erklärte, dass in den schriftlichen Ratschlägen höhere Mengen diverser Pflanzenschutzmittel empfohlen würden, als in den Terminen direkt auf den Höfen. Etliche Bauern haben die Nase voll von Kritik an ihrer Arbeit und von Verbraucher*innen, die viel schimpfen aber beim Einkauf auf den Preis statt auf die Produktionsweise achten. Einige Redner*innen betonten, dass es um den Blick auf den ganzen Betrieb, das ganze System gehen muss, während andere erklärten, die Gesunderhaltung ihrer Pflanzen sei nunmal ihr Job.
Einigkeit herrschte bei der Frage, dass mehr Austausch und Gespräch wichtig sei.

 

Die Veranstaltung ist der Teil der Kampagne: Pestizide runter – Vielfalt hoch!
Unterzeichen jetzt den Appell und mach dich mit uns stark für einen Umbau in Ackerbau und Tierhaltung!

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Jutta Sundermann
Jutta Sundermann

Wollte Aktion Agrar eigentlich „KuhRage“ nennen und wohnt in einem blauen Bauwagen auf dem Lande.

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