Prinzessinnengärten für den Wegwerfstopp

Am ersten Freitag im Juli ist es glühend heiß in Berlin. Ganz gut aushalten lässt es sich aber in den Prinzessinnengärten in Kreuzberg, einem der bekanntesten Stadt-Garten-Projekte des Landes. Unter jungen Bäumen kommt die Runde unserer Kampagnen-Starter*innen zusammen: Aktive vom Lebensmittelretter-Netzwerk Foodsharing, von der Slow Food Jugend Deutschland und Aktion Agrar. Wir haben einen Einkaufswagen dabei, bunte Banner und 8.000 kleine Aufkleber mit 4 lustigen Motiven.

Am heutigen Tag soll die Kampagne „Leere Tonne – Wegwerfstopp für Supermäkte“ starten. Valentin Thurn, der mit seinem Film „Taste the Waste“ international Menschen wachrüttelte und das Foodsharing-Netzwerk mit initiierte, wird heute Abend bei einer Veranstaltung mit Musik und Diskussion auch unsere Kampagne vorstellen. Er wird davon erzählen, wie viel köstliche Kirschmarmelade aus den unverkäuflichen Steinfrüchten herzustellen ist, gerade weil die süßesten Früchte oft schon am Baum einreißen und sich damit in den Augen des Supermarkt-Einkaufs disqualifizieren. Von denen, die es in die Markt-Regale schaffen, werden aber erneut große Mengen weggeworfen, ohne dass sie jemand zur Kasse getragen hätte. Der Einkauf wird durch Werbestrategen zum eigenen Kampfplatz, oft tragen die Kaufenden mehr nach Hause, als sie brauchen können. So dass die letzte Wegwerfstation, der private Haushalt, auch einen großen Anteil am Essens-Müllberg hat.

Valentin erzählt aber auch von den Alternativen und der positiven Energie, mit der sie in Angriff genommen werden: Freiwillige des Foodsharing-Netzwerkes retten inzwischen tonnenweise Lebensmittel vor dem Wegwerfen. Und zumindest einige Kisten der geplatzten Brandenburger Kirschen sollen bei einem großen Essensretter-Brunch kollektiv zu Marmelade verarbeitet werden.

Trotzdem braucht es mehr als die Privatinitiativen. Denn die Verschwendung findet systematisch statt. Mit der in Deutschland jährlich weggeworfenen Menge von rund 18 Millionen Tonnen wäre eine LKW-Karawane vollends ausgelastet, die von Kapstadt bis nach Berlin reichen würde.
Das sind Zahlen und Bilder, die mich gruseln lassen. Eine echte Wertschätzung von Bäuerinnen und Bauern ist da ebenfalls systematisch ausgeschlossen. Es wird keine Agrarwende geben, wenn sich nicht auch hier etwas verändert. Deshalb wollen wir eine breite öffentliche Diskussion. Wir müssen auch die Gesetzgeber in die Pflicht nehmen und uns mit unserer Kritik an die Supermärkte wenden.

Nach Gruppenfoto und Kurzpräsentation der Kampagnen-Idee sprechen wir alle an, die sich im Prinzessinnengarten blicken lassen. Immer mehr Menschen sind zwischen den Beeten in Gemüsekisten und Palettenkonstruktionen unterwegs. An diesem heißen Sommerabend in Berlin fühlt es sich an, als wäre eine Veränderung möglich. Die Leute freuen sich über unsere Kampagnen-Maskottchen auf den Aufklebern und unterschreiben gerne den Appell. Etliche sagen sofort zu, auch bei einer Aktion mitmachen zu wollen und werden im Bekanntenkreis von der Kampagne Leere Tonne berichten.

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Jutta Sundermann
Jutta Sundermann

Wollte Aktion Agrar eigentlich „KuhRage“ nennen und wohnt in einem blauen Bauwagen auf dem Lande.

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