Saatgutinitiative 6: MASIPAG

Gebt den Bäuer*innen die Saat zurück!

Die Welt steht auf dem Kopf – Corona-bedingte Grenzschließungen, eingeschränkte Transportwege sowie schwankende Weltmarktpreise belasten Bauern und Bäuerinnen des Globalen Südens besonders stark. Gerade zu diesen Krisenzeiten wird es wieder deutlich, wie wertvoll die regionale Produktion von Saatgut und Lebensmitteln ist.

MASIPAG, ein Netzwerk auf den Philippinen, zeigt, wie erfolgreich Landwirtschaft anders funktionieren kann. Bei MASIPAG haben die Bäuer*innen das Sagen. Sie produzieren ihr Saatgut selbst und die Sorten, die sie entwickeln und anbauen, sind nicht von künstlichen Düngemitteln oder Pestiziden abhängig. Ihr System beruht vielmehr auf dem Teilen. Und gerade zu Zeiten wie diesen bewährt sich ihr System besonders.

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Und so hat es angefangen… 

Im Zuge der Grünen Revolution in den 1960er Jahren sind auf den Philippinen tausende traditionelle Reissorten wenigen Hochertragssorten gewichen. Die Situation der Kleinbauern und -bäuerinnen hat sich aber nicht verbessert. Im Gegenteil: Sie mussten immer teurer werdendes Saatgut und passende Düngemittel und Pestizide zukaufen. Das machte den philippinischen Bäuer*innen schwer zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund kamen im Jahr 1986 Bauern und Bäuerinnen auf einer nationalen Konferenz mit Wissenschaftler*innen und verschiedenen NGOs zusammen und beschlossen, diesem System etwas entgegenzusetzen. Sie gründeten gemeinsam das Netzwerk MASIPAG (übersetzt “Partnerschaft zwischen Bauern und Wissenschaftlern für die Entwicklung“) und begannen eine Landwirtschaft, die auf Vielfalt und Selbstbestimmung beruht und so erfolgreich wurde, dass sie heute vielen zum Vorbild geworden ist.

Das Besondere an MASIPAG ist, dass es die Bauern und Bäuerinnen sind, die wieder die Kontrolle haben und entscheiden, welche Sorten erhalten und gezüchtet werden und sowohl Wissen als auch Saatgut von allen geteilt wird.

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Wir haben mit Cris Panerio gesprochen, dem nationalen Koordinator von MASIPAG. Er selbst war vor 30 Jahren als Student zu MASIPAG gekommen, als er sich den Massenprotesten gegen die Internationalen Reisforschungszentren (IRRI)* angeschlossen hatte. *

MASIPAG Bäuer*innen züchten selbst

Vor der Grünen Revolution gab es auf den Philippinen mehr als 4000 traditionelle Reissorten, von denen viele verloren gegangen sind. Doch da einige der Sorten auf ganz bestimmte agroklimatische Bedingungen angepasst waren, hielten sie stand und die Bäuer*innen von MASIPAG konnten sie retten. Mittlerweile haben die Mitglieder von MASIPAG über 700 traditionelle Reissorten gesammelt und erhalten diese im Anbau. Aber die MASIPAG-Bäuer*innen erhalten nicht nur alte Sorten, sondern entwickeln in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen auch neue Sorten, die speziell auf ihre Bedürfnisse und Anbaubedingungen angepasst sind. In regelmäßigen Treffen mit Wissenschaftler*innen und anderen Bäuer*innen stellen sie sich gegenseitig neue Methoden und Entdeckungen vor. Und dabei sind es vor allem die Bäuer*innen, die den Prozess maßgeblich bestimmen. „Bauern und Bäuerinnen wurden in der Vergangenheit viel zu häufig von der Züchtung ausgeschlossen“, beklagt Cris Panerio:

“Auch die moderne Reiszüchtung in den internationalen Reisforschungszentren (IRRI) hätte in Beratung mit den Bauern und Bäuerinnen stattfinden müssen. Diese würden nicht einfach moderne Reissorten einführen und dann dadurch den Verlust der genetischen Diversität von traditionellen Sorten verursachen. Denn die Grundlage der Züchtung sind die traditionellen Sorten. Der Verlust von tausenden von Reissorten gefährdet die Ernährungssicherheit.“

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Viele der vor Ort entwickelten Sorten haben sich durch sehr gute Eigenschaften bewährt. Dabei gibt es auch Sorten, die besonders gut für die Herausforderungen des Klimawandels geeignet sind: Sorten, die bei Fluten standhalten können, und andere, die Dürreperioden, Salzwasser und Krankheiten trotzen können. Auch wissenschaftlich konnte bestätigt werden, dass der Ertrag der MASIPAG-Sorten dem Ertrag der Hochleistungssorten aus dem Labor der IRRI in nichts nachsteht (Bachmann et al., 2009). Insgesamt steht für Cris Panerio fest:

“Reis-Bauern sind die besten Reis-Züchter. Es gibt eine sehr enge Verbindung zwischen dem Reis und den Bauern. Reis ist nicht nur ein Job für sie, sondern es ist ihr Leben. Aus diesem Grund kann es zwar sein, dass unsere bäuerlichen Züchter manchmal nicht die wissenschaftlichen Begriffe korrekt aussprechen können, aber sie trotzdem die besten Experten darin sind, ihren eigenen Reis zu entwickeln.“

Mittlerweile gibt es 188 Versuchsfarmen. Auf jeder dieser „lebenden Saatgutbanken“ erhalten Bauern und Bäuerinnen mehr als 50 Reissorten: Einige davon sind traditionelle Reissorten, andere haben MASIPAG Teams gemeinschaftlich entwickelt, und wieder andere sind speziell von den Bäuer*innen selbst gezüchtete Sorten. Auf den Versuchsfarmen untersuchen und selektieren Bauern und Bäuerinnen angepasste Sorten und entwickeln ihre Anbausysteme weiter.

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Anbau ist die beste Zertifizierung

Auch wenn die Regierung darauf pocht die Sorten staatlich zertifizieren zu lassen, ist dies für die MASIPAG Bäuer*innen nicht überzeugend. „Unsere Bauern und Bäuerinnen nutzen die Sorten und, dass sie diese nutzen, ist Zertifizierung genug für uns.“  Und nicht nur MASIPAG Mitglieder nutzen diese…

„Die Reissorten, die von MASIPAG entwickelt wurden, sind schon jetzt überall in den Philippinen verstreut. Viele Bauern nutzen sie, so dass MASIPAG nicht nur die 60 000 Bauern des Netzwerks selbst erreicht, sondern auch viele andere, die von unserem Saatgut Gebrauch machen. Durch die Vielfalt des Saatguts können auch sie die Abhängigkeit von Chemikalien reduzieren.“ 

Vielfalt statt Profit

Aber den Mitgliedern von MASIPAG geht es nicht nur um die Unabhängigkeit von Saatgut. Auch ansonsten sind ihre Höfe auf Unabhängigkeit und Krisenfestigkeit angelegt. So bauen die MASIPAG Bäuer*innen nicht nur Reis an, sondern auch unterschiedliche Obst- und Gemüsesorten, halten Enten, Hühner und Schweine und manche haben auch einen eigenen Fischteich. Dabei ist es erwünscht, dass die ganze Familie bei der Diversifizierung von Anbau und auch der Verarbeitung der Lebensmittel beteiligt ist. Auch Dünger und Kompost stellen sie nach agrarökologischen Prinzipien selbst her und arbeiten in Kreisläufen: „Die Enten werden mit den anfallenden Reishülsen gefüttert. Dafür picken diese die Schädlinge von den Feldern und ihren Kot können die Bauern als natürliches Düngemittel nutzen.“

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Was überzeugt die Bauern und Bäuerinnen?

Dass MASIPAG so erfolgreich werden konnte, war nur dadurch möglich, dass sich so viele Bauern und Bäuerinnen angeschlossen haben. Für viele Bäuer*innen wird es nach Cris Panerio immer schwieriger, die konventionelle Landwirtschaft zu betreiben:

„Weil chemische Zusätze immer mehr kosten, wird es für die Bauern zunehmend schwierig, den Boden für die Feldfrüchte aufzubereiten. Ich habe mit vielen älteren Bauern gesprochen. Sie sagten, dass der Boden vorher sehr fruchtbar war. Aufgrund der Technologien der Grünen Revolution ist der Boden jetzt immer unfruchtbarer, die Ernte geht runter. Die Böden sind fast zerstört. Das ist ein Grund, warum viele Bauern und Bäuerinnen zu MASIPAG kommen.“

Aufgrund des geringen Einkommens raten Bauern und Bäuerinnen ihren Kindern davon ab in die Landwirtschaft zu gehen und so gibt es auch auf den Philippinen einen „gefährlichen Trend von alternden Bauern und Bäuerinnen“, so Cris Panerio.

Aber bei MASIPAG sieht der Trend momentan eher positiv aus. Aus einer Studie geht zudem hervor, dass MASIPAG-Bauern und Bäuerinnen im Vergleich mit konventionellen Bäuer*innen sogar finanziell besser dastehen und positiver in die Zukunft blicken (Bachmann et al., 2009). Und nicht nur die Böden werden wieder fruchtbarer. Auch bei den Konsumierenden steigt das Interesse an ökologisch und sozial gerecht produzierten Lebensmitteln.

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Wie soll‘s weitergehen?

„Wir schätzen, dass momentan etwa 60 000 Bauernfamilien bei MASIPAG involviert sind. Aber es ist immer noch ein viel zu kleiner Anteil. Wir haben mehr als 10 Millionen Reisfarmer auf den Philippinen.“

Viele Expert*innen gehen davon aus, dass es in Ländern des Globalen Südens wie den Philippinen nach der Corona-Pandemie verstärkt zu Hunger, in Kombination mit einer globalen Rezession und Kriegen kommen kann. Während es in den letzten Jahren bei MASIPAG eher um die interne Vernetzung und den Zusammenhalt ging, möchte das Netzwerk in diesen schwierigen Zeiten mehr und mehr auch andere unterstützen und vor allem die Idee des Teilens leben und verbreiten.

„Wir möchten zukünftig vor allem danach schauen, wie wir andere Netzwerke unterstützen können, ohne etwas zurückzuverlangen. Wir möchten mehr und mehr ökologisches Saatgut auch für andere Gemeinschaften produzieren und sie dabei unterstützen, sich selbst versorgen zu können – auch wenn sie dafür nicht Mitglied bei MASIPAG werden. Das ist, was in solchen Zeiten wichtig ist.“

Neben den schwerwiegenden Auswirkungen der Corona-Pandemie geht sie für Cris Panerio jedoch auch mit einem Fünkchen Hoffnung einher. „Denn plötzlich spricht die ganze Welt immer mehr von Agrarökologie.“

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Was können wir tun?

Besonders bedeutsam ist es, die verbreiteten Erzählungen zu verändern. Denn ein wichtiges Problem der derzeitigen Agrarwissenschaft ist, dass sogar an Universitäten verbreitet wird: Wer mehr Profit will und ein erfolgreicher Bauer werden will, muss moderne Technologien einsetzen und so ein moderner Bauer werden.

„Für große Bauern, die 1000 ha Land bewirtschaften, geht die Rechnung vielleicht auf, aber für  Bauern und Bäuerinnen, die zum Beispiel nur 1 ha Land besitzen, ist das einfach nicht wahr. Sie profitieren viel mehr in der Nutzung von agrarökologischen Methoden.“, so Cris Panerio.Dabei würde er sich wünschen, dass alle ihre Stimme erheben, um aufzudecken was (auch deutsche) Konzerne wie Bayer in Ländern des Globalen Südens wie den Philippinen treiben. „Es ist wirklich wichtig, die verheerenden Auswirkungen der Agrarindustrie auf Kleinbauern und die Umwelt aufzuzeigen.“

Was bleibt?

Der Erfolg von MASIPAG zeigt uns, wie viel wir erreichen können, wenn Bauern und Bäuerinnen ihr Saatgut wieder selbst in die Hand nehmen und ihr Wissen und Saatgut mit anderen teilen!

Was die Bauern und Bäuerinnen von MASIPAG selbst dazu sagen, könnt ihr euch hier anschauen (mit engl. Untertiteln):


* Das IRRI ist eines der 10 internationalen Agrarforschungszentren (IARC), die in Ländern des Globalen Südens im Rahmen der Grünen Revolution etabliert wurden.

Die Fotos wurden uns von MASIPAG zur Verfügung gestellt. Danke!


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