Tierfabriken den Güllehahn zudrehen – Aktion vor dem BMEL

Berlin lädt an diesem ersten Montag im Jahr 2015 nicht gerade zu einem Stadtbummel ein. Eilig laufen die Menschen in ihre Jacken gehüllt vorüber, einige schützen sich mit einem Schirm gegen den leichten Regen. An der Ecke Wilhelmstraße/Französische Straße, direkt vor der Tür des Bundeslandwirtschaftsministeriums laden Aktivist*innen ihre Requisiten aus zwei Autos aus: Strohballen und eine Menge Holz, Besen, Schrubber, Kanister mit brauner Brühe darin.

Die Akkuschrauber summen. Drei mal vier Meter groß ist das Herzstück des Aktionsbildes, das auf einen Holzrahmen gespannt werden muss. Es stellt eine Tierfabrik dar, die Insassen – traurige Schweine mit kupierten Schwänzen – stammen aus der Feder des Karikaturisten Wolf-Rüdiger Marunde. Immer mehr Aktivist*innen treffen ein. Sechs von ihnen schlüpfen in weiße Schutzanzüge und ziehen Gummihandschuhe und Mundschutz über, die Füße landen in Gummistiefeln. Bauer Christian Haymann kommt mit dem Traktor angefahren.
Als der Regen aufhört, endet rund 600 Meter vom Ministerium entfernt das Pressegespräch, das wir von Aktion Agrar zusammen mit dem Aktionsbündnis Agrarwende Berlin-Brandenburg auf die Beine gestellt haben. Einige Journalist*innen laufen die kurze Strecke direkt mit, die meisten Fotografen kommen direkt zum Aktionsort.

Nach dem Soundcheck dröhnt plötzlich Schweinegeschrei aus der Lautsprecherbox vor dem Amtssitz des Ministers Schmidt. Astrid Goltz begrüßt die Aktivist*innen und erläutert kurz, was hier passiert: Die Gülleflut gilt es einzudämmen. Natürlich kann das mit den mitgebrachten Schrubbern und Wischlappen nicht gelingen, es müssen gesetzliche Vorgaben her, um Tierfabriken wirklich den Güllehahn zuzudrehen.
Aus dem Rohr, das in der Mitte des großen Tierfabrik-Banners herausragt, schwappt die braune Brühe. Sehr eklig sieht es aus. Die Ausscheidungen der Tiere könnten das Land zum Blühen bringen. Wenn aber die Tiere in viel zu große Ställe gepfercht werden, dann kommt viel mehr Gülle zusammen als die umliegenden Äcker aufnehmen können. In den Megaställen bekommen die Schweine häufig – und dann immer alle über das Trinkwasser – Antibiotika verabreicht. 90 Prozent der Medikamente landen in der Gülle und kommen somit auf die Felder, wo sie Bodenorganismen abtöten und die Bodenfruchtbarkeit gefährden. Aus dem Rohr vor dem Ministerium schwappt und gluckert Gülle, in der übergroße, bunte Pillen schwimmen.

Durch das Mikrofon ruft Astrid dem Minister unsere Slogans zu, er lässt sich aber nicht blicken: Er muss handeln gegen die Überdüngung. Zu viel Gülle macht Trinkwasser durch Nitrat krebserregend, lässt Tier- und Pflanzenarten aussterben und bringt jetzt schon Ärger mit der EU, die Deutschlands Versagen beim Wasserschutz kritisiert. Der Entwurf für die Düngeverordnung, den das Landwirtschaftsministerium kurz vor Weihnachten vorlegte, ist aber leider zu einer Überdüngungsverordnung geworden: Ab dem Jahr 2018 soll die heute erlaubte Stickstoffüberdosis für jeden Hektar lediglich von 60 kg auf 50 kg pro Jahr gesenkt werden. Das ist zynisch, wenn man bedenkt, dass heute schon 50 Prozent der Grundwassermessstellen erhöhte Nitratwerte aufweisen.

Aktion Agrar startet deshalb heute die Kampagne „Den Tierfabriken den Güllehahn zudrehen“. Online und offline können ab sofort Unterschriften eingehen, die den Entscheidern mit Nachdruck übergeben werden, denn der Bundesrat verhandelt bereits über die Düngeverordnung.

Schmierig-braun suppt die Gülle aus den Wischlappen, die die Reinigungscrew über verschmierten Eimern auswringt. Der Güllegeruch kommt von einer Portion „echter“ Gülle aus Niedersachsen, die zusammen mit den Schweinestimmen vom Band und dem Traktor auf der Straße daran erinnert, dass es hier nicht um Theater geht. Nach etwa einer halben Stunde sind über 50 Liter Theatergülle durch das Rohr gelaufen. Die meisten Fotografen sind schon aufgebrochen, als zur Freude der Aktivist*innen ein großer Stopfen in das Rohr gesteckt wird und die Sauerei zu Ende geht. Kalt ist es, feucht und dreckig.

Aber die Stimmung ist super: Es war eine tolle Aktion und wir haben beeindruckende Bilder produziert! Und der großartige Einsatz vor den Kameras war nicht gespielt: Alle packen auch jetzt mit an. Schneller als aufgebaut, ist der Rahmen wieder demontiert. Mit mitgebrachtem Wasser spülen wir den Fußweg wieder sauber, die Besen kommen nochmal zum Einsatz. Das Einladen geht dank vieler Hände fix. Danke an alle, die dabei waren! Wir werden wieder kommen – das war ja erst die erste Aktion!

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Karen Schewina
Karen Schewina

Gärtnert gerne urban und findet alles mit Sahne besser als ohne Sahne.

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