Let’s talk about – Tierhaltungswende

Fazit aus sechs Gesprächen mit mit Landwirt:innen, Aktivist:innen, Interessierten und Betroffenen aus dem Globalen Süden über unser Tierhaltungssystem

Sechs Dialogveranstaltungen durften wir innerhalb eines Jahres zum Umbau der Tierhaltung durchführen. Denn wie es heute ist, kann es nicht bleiben. Anstatt übereinander zu sprechen, finden wir, es sollte mehr miteinander gesprochen werden.

Das haben wir uns zu Herzen genommen und zusammen mit Landwirt:innen, Aktivist:innen, Interessierten und Betroffenen aus dem Globalen Süden über unser Tierhaltungssystem, dessen globale Auswirkungen und Wege in die Tierhaltungswende diskutiert.

Unser Fazit: Wir hatten sechs super spannende Einblicke in verschiedene Perspektiven auf das Thema Umbau der Nutztierhaltung und was alles dazugehört. Die Transformation ist komplex und das muss sie auch sein. Wir bleiben dran!

Weniger Nutztiere - mehr Zukunft!

Hier lest ihr unseren Bericht mit den spannendsten Erkenntnissen:

 

Futtermittelimporte im Ökolandbau

Am 12.11.23 diskutierten wir mit Bio-Junglandwirt:innen, Lasse Brandt (Brandenburger-Bio Ei), Henning Niemann (Handels-Berater vom Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen) und Peter Müller (Bioland Schweinebauer aus dem Worratal) zu Futtermittelimporten im Ökolandbau.

Erschreckend, stellten wir gleich zu Beginn fest, dass trotz Kreislaufgedankens große Anteile von Importfuttermittel in den Trögen von Bio Schweinen und Hühner landen und diese teils fragwürdige und mindestens intransparente Herkünfte aufweisen. Dass es anders gehen kann, zeigte Peter Müller vom Lettcheshof auf, der seine 1.100 Bio-Mastschweine zu 100% mit eigenen Soja und Futtermitteln aus Hessen füttert.

Diskussion mit Öko-Junglandwirt:innen in Fulda

 

Ocular Witness Dialogveranstaltung in Hannover

Umbau der Tierhaltung

Kurz zuvor, am 5.11.23, organisierten wir anlässlich der Finissage der Ausstellung Ocular Witness im Sprengel-Museum in Hannover eine Podiumsdiskussion zum Umbau der Tierhaltung und luden Dr. Josef Efken (Thünen-Institut, Mitverfasser der Studie zu den Auswirkungen der Nutztierzahlreduktion im Oldenburger Münsterland), Lennart Tilmann (junge Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) und Karsten Rothberg vom Böelschubyhof in Schleswig-Holstein ein.

Das Thünen-Institut hatte in einer Studie dargelegt, dass selbst ein weitgehender Umbau der Tierhaltungsregion Oldenburger Münsterland denkbar und gestaltbar ist, wenn einige Rahmenbedingungen stimmen. Immer wieder forderte der junge Agrarstudent eine politische Sichtweise auf die Lage der Bauernhöfe ein: sowohl die Macht des Lebensmitteleinzelhandels als auch Weichenstellungen wie die Festsetzung der Mehrwertsteuer haben großen Einfluss auf die Überlebenschancen der Höfe.

Aus dem Publikum kamen engagierte Ideen, wie das Recht auf Ganztagsschulen ab 2026 schon jetzt zu nutzen, um Schulkantinen zu Lernorten zu machen und regionales, umweltverträgliches Essen zu servieren.


 

Frauen in der Landwirtschaft

Anlässlich der zuletzt erschienen Studie zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in der Landwirtschaft in Deutschland widmeten wir uns am 13.6.23 dem großen Thema Frauen in der Landwirtschaft. Gemeinsam mit Rukmini Rao (Landwirtschafts- und Frauenaktivistin aus Indien), Claudia Gerster (Betriebsleiterin des Sonnengut Gerster) und Hanna Schwager (Emanzipatorisches Landwirtschafts Netzwerk) lernten wir, dass die Situation von Frauen und Queers in der deutschen Landwirtschaft auch im 21. Jahrhundert alles andere als gleichberechtigt ist.

Nur 11 % der Betriebe in Deutschland werden von Frauen besessen. Jede fünfte Frau in der Landwirtschaft stufte sich als Burnout-gefährdet ein. Nur 18 % der Hofnachfolger:innen sind weiblich. Es gibt eine deutliche Gender-Pay Gap bei Landwirtschafts-Arbeitnehmerinnen und eine sehr schlechte soziale Absicherung von Frauen auf Höfen im Alter und bei Trennung oder Tod.

Gründe sind u.a. weiterhin traditionelle Rollenbilder und ein schlechterer Zugang zu Land und Kapital. Rukmini Rao berichtete, dass Frauen in der Landwirtschaft in Indien teils sogar mehr Rechte innehaben (soziale Absicherung, Entscheidungsmacht) als Frauen auf deutschen Höfen.

Zur Situation von Frauen in der Landwirtschaft

 

Podium zum „System Tönnies“ in Spanien

Das „System Tönnies“

Im April 2023 diskutierten wir in Spanien anlässlich des Tag des bäuerlichen Widerstands über das „System Tönnies“, der seine Produktionskapazitäten in Spanien massiv ausweiten möchte, auf Kosten von Umwelt, den Menschen vor Ort und bäuerlichen Betrieben. Wir berichteten bereits von unserer Recherchereise.

Ungefähr 60 Personen allen Alters kamen zur Diskussion. Catharina Rubel von Aktion Agrar berichtete vom bereits bestehenden Tönnies Schlachthof in Aragón und dem geplanten Megaschlachthof in Calamocha.

Aus Deutschland zugeschaltet war Martin Schulz, Schweinehalter und Vorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL). Er schilderte, wie Tönnies schon in Deutschland wesentlich dazu beigetragen hat, dass in den letzten Jahren viele kleine und mittlere schweinehaltende Betriebe aufgeben mussten.

Auch auf dem Podium dabei war Zlatina Donev, Rechtsberaterin für migrantische Arbeiter:innen in den Schlachthöfen im Oldenburger Münsterland bei der Initiative ALSO. Sie erklärte, dass aufgrund der Corona-Skandale in mehreren Tönnies Schlachthöfen in Deutschland die extrem prekären Beschäftigungsverhältnisse offensichtlich wurden. Durch das Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit müssen alle Arbeiter:innen nun direkt beim Unternehmen angestellt sein – und den Mindestlohn erhalten. Das hat zu deutlich höheren Kosten für Unternehmen wie Tönnies geführt und stellt ein weiteres Motiv für die Abwanderung nach Spanien dar.

Isabell Fernandez von der Umweltorganisation Ecologistas en Acción warf einen Blick auf die Rolle von Futtermittelimporten. Soja für Futtermittel wird durch wenige transnationale Großkonzerne aus Argentinien und Brasilien an spanische Häfen angeliefert und dann in das geostrategisch nahe gelegene Aragón zu den Tierfabriken verfrachtet, ein extrem optimiertes System.

Im Anschluss gibt es noch eine lange Diskussion und viele Rückfragen.


 

„Verzehrswende jetzt – weg mit dir, du Klima Tier?“

Im November 2022 sprachen wir im Rahmen der Witzenhäuser Konferenz „Verzehrswende jetzt – weg mit dir, du Klima Tier?“ mit 34 Teilnehmenden zum Thema „Ernährungssouveränität im Globalen Süden vor dem Hintergrund einer globalisierten industriellen Tierproduktion“.

Die eingeladenen Referent:innen Judith Busch (Vorständin der Menschenrechtsorganisation FIAN e.V. Deutschland) und Wolfgang Hees (aktiv für die AbL & den Verein Freund:innen der brasilianischen Landlosenbewegung MST Deutschland, e.V.) zeigten auf, welche massiv negativen Auswirkungen die Nachfrage der deutschen Mastindustrie nach billigem Soja aus Südamerika auf die Menschen und Lebensgrundlagen dort hat

Illegale Waldabholzungen, Savannenzerstörung und Vertreibung von Menschen sind weiterhin an der Tagesordnung. Die Landlosenbewegung MST hat es in den vergangen Jahrzehnten aber immer wieder geschafft, Land für Menschen zurück zu erobern. Durch Landbesetzungen, die später legalisiert wurden, konnten bereits um die 350 Tausend Menschen wieder Land  zurück erhalten, um sich selbst zu ernähren.


 

Im Hotspot der Tierhaltung in Deutschland

Im September 2022 konnten wir in Quakenbrück mit einer Diskussion direkt im Oldenburger Münsterland im Hotspot der industriellen Tierhaltung in Deutschland auf dem Camp der Aktivist:innen von Gemeinsam gegen die Tierindustrie mit unserer Dialogreihe starten.

Nik Hampel, Mutterkuhhalter aus Hessen, ermunterte seine Berufskolleg:innen während der Veranstaltung dazu, sich in der landwirtschaftlichen Praxis für grundlegende Veränderungen einzusetzen. Der Einsatz synthetischer Düngemittel und Pestizide sowie der massive Import von billigen Futtermitteln aus dem Globalen Süden seien noch nie eine gute Idee gewesen, und würden es auch nicht mehr werden.

Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Niedersachen und Vorstand der AbL Niedersachen, unterstrich, dass es auch in Deutschland eine lange Tradition bäuerlichen Widerstands gegen das Billigpreissystem des Lebensmitteleinzelhandels gibt und wie wichtig es ist, weiterhin widerständig gegenüber Konzernen zu sein. Er mahnte dabei auch an, weiterhin gut hinzuschauen, wer die wirklichen Bad Player sind und Bäuer:innen bei deren Identifikation einzubeziehen.

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