TTIP – Jenseits des Chlorhuhns

In Deutschland und in den USA bringen die industrialisierten Agrarunternehmen und -konzerne viele Bauernhöfe um ihre Existenz, nehmen Tierleid und Umweltzerstörung in Kauf und werden nie müde, nach neuen Märkten zu suchen. Ihnen könnte das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) sehr entgegen kommen.

Wenn das erstmal steht, wird es eng für die Agrarwende. Kleinere und regionale Betriebe werden es noch schwerer haben als bisher, auch noch gegen Megaställe und Getreideriesen aus Übersee anzukommen.

 

Klein gegen Groß, statt EU gegen USA

Die US-amerikanische Landwirtschaft ist nicht weniger subventioniert als die europäische, und beide haben schon in der Vergangenheit die kleineren Betriebe ihrer Handelspartner platt gemacht. So ist es auch bei TTIP wahrscheinlich, dass die deutschen Billigangebote kleinere US-amerikanischen Farmen kaputt machen, und umgekehrt.
Erfahrungen aus bisherigen Freihandelsverträgen erzählen die Dramen von Bäuerinnen und Bauern aus Kenia oder Burkina Faso, die gegen die Dumpungpreise aus der EU nicht ankommen und untergehen. Bekannt ist auch die Tragik der mexikanischen Maisbauern und -bäuerinnen, die seit Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) die hochsubventionierten Maisbetriebe aus den USA nicht unterbieten konnten. Viele haben ihre Höfe verloren und schuften heute als rechtslose Arbeiter in texanischen Schlachthäusern. In Mexiko sind nur noch die größten Maisbauern übrig geblieben. Der Strukturwandel hin zu immer zentralisierterer Landwirtschaft und Weltmarktabhängigkeit, der schon seit Jahren Fahrt aufnimmt, ist dort schon soweit vollzogen, dass es kein Zurück mehr gibt. Mittlerweile kontrollieren 3 Prozent der Erzeuger*innen den Großteil der landwirtschaftlichen Gewinne. Die Getreideimporte nach Mexiko haben sich verdreifacht.

Für uns ist klar: Bei TTIP geht es nicht um Deutschland oder Europa gegen die USA, und nur zum Teil um die einen nationalen Standards gegen die anderen, sondern um zentralisierte Turbo-Industrie gegen regionale Versorgungsnetze. TTIP gefährdet akut wertvolle Alternativen zum bestehenden Wachstumsfetischismus. TTIP says goodbye to buying local.

 

Gentechnik spaziert am Chlorhuhn vorbei

Während sich Verbraucher*innen hierzulande um das Chlorhühnchen in der Kühltheke im Supermarkt sorgen, wird in den Hinterzimmern der EU mit Vertreter*innen der Agrarindustrie darüber kaum verhandelt. Es geht eigentlich um das Investitionsklagerecht mit privaten Schiedsgerichten, welches Agrarkonzernen viele Freiheiten garantieren würde und ihnen helfen könnte, unliebsame Gesetze zu verhindern.

Dem US-amerikanischen Riesen Monsanto und seiner Konkurrenz aus Europa (Syngenta aus der Schweiz, BAYER Crop Science aus Deutschland) sind die Kennzeichnungspflicht und die Anbaubeschränkungen von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ein Dorn im Auge. Aus der hiesigen Perspektive war die Kennzeichnungspflicht immer nur eine halbe, denn sie gilt nicht für Eier, Milch und Fleisch, deren Lieferanten in konventionellen Betrieben seit Jahren fast durchweg mit gentechnisch verändertem Futter versorgt werden. Aber im Rahmen der TTIP-Verhandlungen könnte sie nun komplett über den Haufen geworfen werden. Leichtere Zulassungen für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen und keine Verbote für den Verkauf von Hormon- und Klonfleisch in Europa würden sie sich auch wünschen. Das sind alles Gründe, gegen das Abkommen zu streiten und natürlich auch den Hofladen in der Nähe zu stärken, wo ich die Bäuerin oder den Bauer fragen kann, ob sie gentechnisch veränderten Mais anbaut oder nicht.

 

© Bild: Craig Sillitoe / CC

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Leonie Dorn
Leonie Dorn

Vergisst beim Anblick von Klatschmohn all ihre Sorgen und trauert Jon Stewart immer noch nach.

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