Weit gereist für die Tonne

Welche dramatischen Folgen hat die Verschwendung für die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt? Wie zynisch es ist, wenn Kakao einmal um die Welt reist, um wegen eines klitzekleinen Schönheitsfehlers in der Tonne zu landen – oder weil die Verkaufssaison für Schoko-Nikoläuse vorbei ist? Darauf will unsere Kampagne unter dem Thema „Weit gereist für die Tonne“ aufmerksam machen.

Kakao und weitere wertvolle Zutaten für unsere Schokolade werden in den ärmsten Ländern der Welt mit viel Arbeit und unter großem Ressourceneinsatz produziert, und dann im Supermarkt lange vor dem Ende ihrer Haltbarkeit aussortiert. Angesichts von über 800 Millionen Hungernden, die auch in den produzierenden Ländern leben, ein unerträglicher Skandal!

Schokolade

Allein in Deutschland werden jährlich 356.000 Tonnen Rohkakao verarbeitet, nur die Niederlande und die USA verarbeiten mehr. 50 Prozent der gesamten Schokolade wird in Europa abgesetzt, in den USA dagegen “nur” 22 Prozent. 70 Prozent des weltweit produzierten Kakaos stammt aus der Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste), Kamerun, Nigeria und Ghana.
Wie viel Schokolade in Deutschland tatsächlich weggeworfen wird, weiß keiner, denn der Prozess der Lebensmittelentsorgung ist immer noch sehr intransparent. Eine Studie aus Großbritannien hat 2011 ergeben, dass dort pro Tag 70 000 Tafeln Schokolade in der Tonne landen. In Deutschland berichten immer wieder Lebensmittelretter von großen Mengen Schokoladeprodukten, auch Weihnachtsmännern und Osterhasen in den Müllcontainern. Nach unseren Umfragen gibt es offensichtlich oft eine Verzögerung, so dass zum Beispiel kurz vor dem Beginn des Weihnachts-Schoko-Geschäfts 2015 Produkte aussortiert werden, die vor einem Jahr im Verkauf waren, seit Januar in keinem Supermarktregal mehr lagen, aber erst jetzt weggeworfen werden, um Platz zu schaffen.

Was mit der Schokolade noch alles in der Tonne landet:

Arbeit
Der Kakaoanbau ist sehr arbeitsintensiv und besteht in großen Teilen aus Handarbeit. Kakaopflanzen müssen kontinuierlich abgeerntet und gepflegt werden. Nach dem Ernten werden die Schoten aufgeschlagen, die Bohnen fermentiert, getrocknet und gemahlen. Die Arbeitsbedingungen auf den Kakaoplantagen sind nach wie vor erschreckend oft sehr schlecht und genügen nicht den Mindestkriterien der Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Menschenrechtskonvention der UN. PlantagenarbeiterInnen sind in mangelhaften Unterkünften untergebracht und werden oft gesundheitsgefährdenden Pestiziden und Düngemitteln ausgesetzt.
Mehr lesen unter: http://de.makechocolatefair.org/sites/makechocolatefair.org/files/pdf/infoblatt_make_chocolate_fair.pdf

Kinderarbeit
In der Côte d’Ivoire und in Ghana arbeiten Schätzungen zufolge allein 2 Millionen Kinder auf Kakaoplantagen. Neun von zehn dieser Kinder verrichten schwere, gesundheitsgefährdende Arbeiten wie das Schleppen von Säcken mit Kakaobohnen, das Ernten mit gefährlichen Werkzeugen, Düngen und das Spritzen mit Pestiziden. Die Kinder tragen neben täglichen Verletzungen auch langfristig schwere körperliche und psychische Störungen davon. Haltungsstörungen, Rückenschmerzen, Lähmungen und Leistenbrüche sind nur einige Beispiele dafür. Meist müssen die Kinder von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, bekommen zu wenig Essen und werden nicht selten misshandelt. (www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de).

Belegte Zahlen zur Kindersklaverei und zum Kinderhandel gibt es nicht. Die Dokumentation “Schmutzige Schokolade” des dänischen Filmemachers Miki Mistrati zeigt
aber eindrucksvoll, wie einfach es ist, Zeuge dieser kriminellen Vorgänge zu werden. Die Kinder werden meist in den Grenzregionen von Mali, Togo und Burkina Faso verschleppt und auf die Kakaoplantagen gebracht. Mistrati spricht in seiner Dokumentation auch mit einem Menschenhändler, der offen zugibt, Kinder im Auftrag der Plantagenbesitzer über die Grenze gebracht zu haben. Oft treffen jedoch auch die Eltern die schwerwiegende Entscheidung, ihre Kinder aus den Händen zu geben. Sie erhoffen sich für ihre Kinder eine Arbeit, die ihnen eine Chance auf ein besseres Leben ermöglicht.

 

Lebensunterhalt
Der Kakaoanbau ist die Haupteinnahmequelle für 5,5 Millionen BäuerInnen weltweit und sichert den Lebensunterhalt von bis zu 14 Millionen ArbeiterInnen. Diese haben einen Verdienst von durchschnittlich 1,25 $ pro Tag – weit unter der Armutsgrenze. Seit den 1980er Jahren haben sich die Preise für Rohkakao fast halbiert. Zusätzlich dazu leiden KakaobäuerInnen unter starken Preisschwankungen, die auch durch Lebensmittelspekulationen an den internationalen Finanzmärkten verursacht werden. Witterungsumstände (oftmals verursacht durch den voranschreitenden Klimawandel), Schädlingsbefall und politische Unruhen führen zu weiteren Ernteeinbußen, die ohne Investitionen nicht ausgeglichen werden können. Außerdem fehlen die finanziellen Mittel für Fortbildungen im nachhaltigen und effizienteren Anbau. Niedrige und unsichere Einkommen machen richtigen Pflanzenschutz oder den Ersatz von kranken Bäumen für die KakaobäuerInnen unmöglich. Bis zu 40% der Ernte kann durch diesen mangehalften Umgang mit den Pflanzen verloren gehen. Die finanzielle Not veranlasst viele KakaobäuerInnen den Anbau einzustellen, während gleichzeitig die Nachfrage nach Kakao weiter steigt und der Bedarf bald nicht mehr gedeckt werden kann.

 

Ressourcen
Aus dem Ertrag eines Kakaobaums können ca. 40 Tafeln Milchschokolade (100g) pro Jahr hergestellt
werden.
Für eine Tafel Milchschokolade wird ca. 1 Schote benötigt
100 Gramm Milchschokolade verbrauchen in der Herstellung (alle Zutaten incl. Kakaoanbau) ca. 1700 Liter Wasser
Pro 1m² Kakaoplantage wird ca. 50 Gramm Kakao pro Jahr geerntet.

Die Exportfrucht Kakao braucht jede Menge Platz – und der wird nicht selten zum Nachteil bisheriger NutzerInnen geschaffen. Immer wieder gibt es Berichte über Vertreibungen von und Druck auf Menschen, die das Land vor dem Kakao bearbeiteten und bewohnten. Allein in den Kakao-Anbauländern Guinea, Sierra Leone, Liberia, Côte d’Ivoire, Ghana, Nigeria und Kamerun stieg der Flächenbedarf für Kakaobäume von 1990 mit rund 3.500 Hektar auf fast das Doppelte (über 6.000 Ha) in 2010.

Aluminium
Die Verpackung der Schokoweihnachtsmänner ist recycelbar – aber wenn die Schokohohlfigur noch drin steckt, sieht es damit düster aus. Aluminium ist ein problematischer Stoff, der bei der Herstellung sehr viel Energie benötigt und dessen Gewinnung, der Abbau des Bauxits in riesigen Tagebauten z.B. in Indien große Umweltund Gesundheitsschäden verursacht.

 

Umwelt und Klima
Bei Produktion, Transport und Verzehr von einer 100 Gramm Tafel entstehen:
410g CO2 für weiße Schokolade
360g CO2 für Milchschokolade
210g CO2 für dunkle Schokolade

Hochgerechnet auf den jährlichen Konsum von elf Kilogramm Schokolade pro Kopf in Deutschland ergibt sich eine Ausstoßmenge von 45 Kilogramm CO2 pro Person. Deutschlandweit kommt die Schokoindustrie auf über 3,7 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr. Das sind soviel wie 50 Fahrten eines Porsche Cayenne von der Erde bis zum Mars.

Weitere Umweltauswirkungen, die durch intensiven Kakaoanbau entstehen:
• ausgelaugte Böden
• verunreinigtes Trinkwasser
• erhöhter Schädlingsbefall und Krankheitsdruck
• Bodenverschmutzung durch Pestizide und chemische Dünger

Durch sinkende Erträge werden KakaoproduzentInnen dazu gezwungen, die Anbauflächen auszuweiten. Das führt zu Waldrodungen und dem Verdrängen von anderen Pflanzenkulturen.

Ungerechtigkeit im Welthandel
Menschenrechtsorganisationen weisen seit vielen Jahren darauf hin, wie der Handel mit Kakao ungerechte Strukturen aufrecht erhält: So dominieren große Unternehmen den internationalen Handel und zahlen zu niedrige Preise an die ErzeugerInnen. Zölle z.B. beim Eintritt in die EU führen dazu, dass die Verarbeitung des Kakaos in den Herkunftsländern sich nicht lohnt und eine klassische Armutsfalle bestehen bleibt: Die Anbauländer verkaufen einen relativ billigen Rohstoff, die Wertschöpfung passiert dann vor allem in den reichen Zielländern. Es ist kein Scherz: Millionen Kinder in den Kakao-Anbauländern wissen nicht, wie ein Stück Schokolade schmeckt, sie ist nur in wenigen Geschäften zu bekommen und dort ziemlich teuer.

Und übrigens… für die uralten Völker der Mayas und Azteken war die Kakaopflanze göttlichen Ursprungs und der Kakao das Getränk der Götter.

 

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