Globaler Handel und Welternährung

Laut jüngsten FAO Berichten leiden weltweit 795 Millionen Menschen an Hunger1 obwohl global gesehen ausreichend Nahrungsmittel produziert werden. Insbesondere im globalen Süden ist die Ernährungssicherheit vieler Menschen nicht gewährleistet, während in den Ländern des Nordens massenweise Lebensmittel weggeworfen werden. Wichtige Faktoren, die zu dieser ungleichen Verteilung beitragen sind neben teilweise immensen Problemen innerhalb der Länder die unfairen Strukturen des Welthandels, Lebensmittelspekulationen durch global agierende Akteure der Finanzbranche, die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten der Länder des Südens und das so genannte „Land-Grabbing“.
 

Die unfairen Strukturen des Welthandels

Die globalen Handelsbeziehungen wachsen stetig, innerhalb kürzester Zeit können Waren um den gesamten Globus geliefert werden. In unseren Märkten finden wir zum Beispiel Ananas aus Costa Rica, Hifi- Produkte aus China und Kleidung aus Bangladesch. Für uns ist alles billig und immer verfügbar. Fakt ist allerdings, dass dieser Welthandel von enormen Ungleichheiten dominiert ist. Es herrscht ein System in dem die Interessen der reichen Länder des globalen Nordens – die Verfechter eines liberalisierten Welthandels – die der armen Länder des Südens dominieren. Ein System, in dem die Interessen transnationaler Konzerne, Banken und Investmentfonds den Ton angeben.
Die internationalen Institutionen Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) sowie die Welthandelsorganisation (WTO) setzen sich für die Liberalisierung und Deregulierung der Märkte ein. Das hat jedoch vor allem für den globalen Süden fatale Folgen, denn die dortige Landwirtschaft ist im Vergleich zu den Agrarindustrien der EU und der USA kaum wettbewerbsfähig. Die vielen regionalen Integrationsbündnisse, wie NAFTA und ASEAN sowie die bilateralen Handelsabkommen versprechen zwar Wachstum und Arbeitsplätze, jedoch helfen sie der Agrarindustrie dabei, Kleinbäuer/innen vom Markt zu drängen.
Verstärkt wird diese Problematik durch die starke Subventionierung der Landwirtschaft in ökonomisch starken Ländern des globalen Nordens. Die Europäische Union hält durch die Subventionierung ihrer Landwirtschaft, sowie durch Exportsubventionen von Lebensmitteln ihre landwirtschaftlichen Produkte auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig – tatsächlich ermöglicht sie so Dumpingpreise, mit denen die jeweiligen lokalen Produzent/innen z.B. von Geflügel oder Getreide in den armen Ländern nicht konkurrieren können. Auf diese Weise trägt die EU maßgeblich zum Niedergang ganzer Wirtschaftszweige bei.
Ein gutes Beispiel hierfür ist der Niedergang der Geflügelmast in Ghana. Durch veränderte Konsumgewohnheiten wurden und werden in Europa bevorzugt Hühnerbrust und Schenkel konsumiert. Gleichzeitig werden die übrigen Hühnerteile, welche nicht direkt in Europa konsumiert werden, zu extrem günstigen Preisen exportiert – beispielsweise nach Ghana. Auf den Märkten des Landes unterbot die in Massen importierte Ware die Preise für das lokal produzierte Fleisch und zerstörte damit fast die gesamte Geflügelmast. Der Versuch der Ghanaischen Regierung ihren eigenen Markt durch Importzölle zu schützen wurde 2003 von IWF, Weltbank und EU verhindert, indem die Vergabe von Krediten an das Land an die Bedingung geknüpft wurde, keine Schutzzölle einzuführen.
 

Nahrungsmittelspekulationen

Auch unter den extremen Schwankungen der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt leiden vor allem die in Armut lebende Bevölkerung sowie die Produzent/innen im globalen Süden. Durch steigende Preise werden Lebensmittel für in Armut lebende Menschen unbezahlbar.
Die Schwankungen haben zudem insbesondere für die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern negative Auswirkungen, die sich für den Kauf von Saatgut verschulden und infolge dessen dazu gezwungen sind, ihre Erträge direkt nach der Ernte zu verkaufen, auch wenn die Weltmarktpreise sehr niedrig sind.
Für die extremen Anstiege der Nahrungsmittelpreise in den Jahren 2007/2008 waren zwar sowohl Ernteausfälle, als auch der Anstieg des Ölpreises sowie der Verfall des Dollarkurses verantwortlich. Jedoch gießen die seit Anfang 2000 stark zunehmenden Spekulationen auf Nahrungsmittel durch Banken und Investmentfonds zusätzlich Öl ins Feuer.
Arme und ernährungsunsichere Länder importieren einen Großteil ihrer Nahrungsmittel und ihre Exporterlöse sind meist von ein bis zwei Produkten abhängig. Sie spüren die Preisschwankungen auf dem Weltmarkt demnach wesentlich stärker und schneller als die geschützten und vielfältigen Agrarindustrien in Europa und den USA.
 

„Land- Grabbing“

Des Weiteren hat sich seit der Weltwirtschaftskrise das Phänomen „Land-Grabbing“ enorm ausgeweitet, was dazu führt, dass zunehmend Kleinbäuerinnen und Kleinbauern enteignet werden. Investitionsziele sind Afrika, Südamerika, Süd- und Süd-Ost Asien, aber auch Osteuropa. Das Ackerland wird sowohl von privaten, als auch von staatlichen Investoren, wie beispielsweise Saudi-Arabien, China und den USA, aufgekauft oder gepachtet, um diese Flächen in großem Maßstab landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Mit gekauft wird meistens das Wasser, um die Felder erfolgreich zu bewirtschaften. Gründe hierfür sind steigende Preise für landwirtschaftliche Produkte, Wassermangel für Landwirtschaft im eigenen Land, veränderte Ernährungsgewohnheiten und politische Initiativen, wie zum Beispiel die EU Biospritpolitik. Die Regierungen der Länder des Südens sehen im Verkauf dieser Landflächen häufig die Chance Investitionen in ihre Landwirtschaft anzuregen, in welche die Staaten selbst nur geringfügig investiert haben.

Landgrabbing

Grafik: Heinrich-Böll Stiftung, BUND, Le Monde diplomatique (Hrsg.) 2015: 27

Schätzungen zufolge wurde zwischen 2001 und 2010 eine Fläche von 230 Millionen Hektar Ackerland in Entwicklungsländern verkauft. Auf diese Weise erhoffen sich die Einen tatsächlich die Ernährungs- oder Energiesicherung der eigenen Bevölkerung, die Anderen sehen darin die Chance, ihre Staatskasse aufzubessern.
Aufgrund der Tatsache, dass durch den Prozess des „Land-Grabbing“ Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihr Ackerland, den Zugang zu Weideflächen und Wasserressourcen verlieren und die Landflächen meist nicht mit Pflanzen bestellt werden, die dem lokalen Markt zu Gute kommen, trägt diese Entwicklung allgemein zur Verschlechterung der Ernährungssituation bei. Beispielsweise werden insbesondere in Südamerika riesige Flächen für den Anbau von Futtermitteln gekauft oder gepachtet. Laut FAO werden drei Viertel der weltweiten Ackerflächen für die Produktion von Tierfutter gebraucht. Der Fleischkonsum in Europa betreibt somit virtuellen Land- und Ressourcenraub.

Die Agrarpolitik in Europa trägt entschieden zu Hungerkrisen in den Ländern des Südens bei. Das macht die Agrarwende hier vor Ort umso wichtiger und dringender! Ernährungssouveränität, sowohl im Norden und im Süden, erreichen wir nur, indem wir Alternativen zum Weltmarkt schaffen- regionale Versorgungsnetze statt weltweite Konkurrenz.

 


1 Laut der FAO Definition leidet ein Mensch an Hunger, wenn er oder sie ein ganzes Jahr am Stück nicht genügend Nahrung zur Verfügung hat und nicht genügend Kalorien für körperlichen Ruhestand zu sich nimmt. Tatsächlich aber müssen viele Arme harte Arbeit verrichten, um ihre wenigen Kalorien zusammen zu bekommen. Nach einer anderen Berechnung würden mehr als eine Milliarde Menschen auch heute als hungernd gezählt werden.

Ein Beitrag von: Nicola Arnold. Quellen stellen wir gerne auf Anfrage zur Verfügung.
Bild: Danumurthi Mahendra / CC