„Wir haben es satt“ schmeckt nach mehr

Voll, bunt und laut wurde es am Abend vor der großen Demo „Wir haben es satt“ in den beiden Zirkuszelten des Cabuwazi direkt am Berliner Ostbahnhof. Zur großen Schnippeldisko kamen mehr als 1.000 Leute und schnippelten um die Wette Karotten, Kartoffeln, rote Beete und anderes Gemüse klein. In einem Zelt stand Schnippeltisch an Schnippeltisch, umringt von fröhlichen Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet. Im anderen blubberten im größten Suppentopf der Bewegung die ersten Zutaten des köstlichen Bio-Eintopfes, gerüht vom Koch-Aktivisten Wam Kat.
Direkt neben der beeindruckenden Kochstelle lief ein abwechslungsreiches Programm mit Reden, Filmchen und Interviews. Astrid Goltz von Aktion Agrar führte mit Irmi Salzer vom Österreichischen Bauernverband durch den Abend. Erst nach 23 Uhr leerte sich der Platz und die Vorbereitungscrew machte sich ans Aufräumen.

Aber die Putzaktivist*innen vergaßen ihre Mühen – ebenso wie diejenigen, die von weither nach Berlin gekommen waren und die, die sich über Wochen um die Vorbereitung gekümmert hatten: Schon vor Beginn der Auftaktkundgebung war der Potsdamer Platz voller Menschen mit Fahnen, in Kostümen, mit selbstgemalten Bannern, geschmückten Kinderwagen. So weit das Auge reichte standen Traktor an Traktor in Wartestellung, um die Demo in Richtung Kanzleramt anzuführen. Über 80 Trecker mit und ohne Anhänger waren dabei, so viele wie noch nie!

Mit knapp 20 Leuten im Getümmel war auch Aktion Agrar. Ein zentraler Eindruck: Es ist verflixt schwierig, ein Lastenfahrrad in einer Demonstration mit 50.000 Menschen wieder finden zu müssen! 50.000 – das sind Menschen soweit das Auge reicht, das sind Hunderte von mitgeführten Fahrrädern, das sind Beine, Arme, Köpfe von einer Straßenseite zur anderen und ein freundliches Gedränge, Luftballons und Durcheinander. Aber die Lastenräder mussten gefunden werden, denn die Hausaufgaben-Hefte, die wir vom Anfang bis zum Ende der Veranstaltung verteilten, weg gingen wie warme Semmeln. War die Tasche über der Schulter leer, hieß es „nachtanken“ an einem der beiden Drahtesel mit großer Ladebox. Die Hefte kamen gut an, die Marunde-Aufkleber waren schon bald auf vielen Mützen, Schultern und Jacken zu entdecken.
Ein Dreierteam hatte zudem die Aufgabe, Spenden für das Demobündnis zu sammeln. Es war eine Freude, wie schnell die Plastikgießkannen sich füllten – alle wollten diese großartige Demo unterstützen.

Nach der Abschluss-Kundgebung zogen Hunderte der Demonstrierenden noch zum Gebäude der Heinrich-Böll-Stiftung weiter, wo mit „Soup ’n Talk“ das Ereignis ausklingen konnte. Erschöpfte, aber zufriedene Menschen saßen überall in dem Gebäude auf dem Boden, einen Teller heiße Suppe (natürlich Schnippeldisko-Suppe) auf dem Schoß und viele Eindrücke im Kopf. Im ersten Stock gab es Kurzvorstellungen am laufenden Band von Gruppen, die das ganze Jahr über aktiv für die Agrarwende arbeiten. Es gab Neues über Food-Assemblys, das Nyeleni-Netzwerk für Ernährungs-Souveränität, über wilde Hummeln, Solidararbeit mit syrischen Bäuerinnen und Bauern, ein türkisches Saatgutprojekt und viele mehr. Aktion Agrar war mit „den Tierfabriken den Güllehahn abdrehen“ dabei – und nur wenige Teilnehmer*innen des Nachmittags verließen das Haus ohne ein Hausaufgaben-Heft in der Tasche.

Der Tag hat gezeigt: Die Bewegung für die Agrarwende wird immer größer. So viele Menschen kamen noch nie zur Demo anlässlich der Grünen Woche. Sehr viele von ihnen sind das ganze Jahr über aktiv und werden nicht locker lassen. Die Resonanz auf unseren Beitrag hat auch uns bestärkt: Aktion Agrar wird gebraucht und kann viele Mitstreiter*innen gewinnen. Gemeinsam werden wir etwas erreichen für die Zukunft einer bäuerlichen Landwirtschaft ohne Tierfabriken und Gentechnik!


© Bild: Maria Dorn / Aktion Agrar

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Jutta Sundermann
Jutta Sundermann

Wollte Aktion Agrar eigentlich „KuhRage“ nennen und wohnt in einem blauen Bauwagen auf dem Lande.

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