Weltweit wie auch in Deutschland leisten Frauen* einen zentralen Beitrag zur Landwirtschaft – ihre Arbeit bleibt jedoch oft unsichtbar oder wird unterschätzt. Wir machen Workshops für junge Frauen, die Weidehaltung und die Arbeit von Frauen in der Landwirtschaft sichtbarer machen, Austausch ermöglichen und Räume für Empowerment schaffen.
Workshop auf dem Glinder Ziegenhof – 19. Mai 2026
Sabine, Saskia und Tim von Aktion Agrar besuchten mit einer Gruppe junger Frauen aus Burg den Glinder Ziegenhof in Glinde (Elbe) bei Magdeburg. Zum Weidejahr, das gleichzeitig auch noch das Jahr der Frauen in der Landwirtschaft ist, wollen wir mit diesen Workshops beiden Themen Sichtbarkeit verschaffen.
Im Schatten großer Linden leiteten Sabine und Tim in die Themen inhaltlich ein. Sie sprachen über Bedeutung von Weiden für Artenvielfalt, Klima und Tierwohl und über die Situation von Weidetierhaltenden weltweit und in Deutschland. Die Teilnehmerinnen waren interessiert und teilweise erstaunt. Zum Beispiel darüber, dass es alleine in und um einen Kuhfladen herum über 200 Insektenarten geben soll. Auch die Teilnehmerinnen berichteten von ihren Erfahrungen und Kenntnissen mit Weidetieren und ihrem Bezug zur Landwirtschaft, der sehr unterschiedlich war: Von einer Teilnehmerin, die gerne möglichst bald selbst in die Landwirtschaft als Auszubildende starten wollte, über eine andere Teilnehmerin, die mit Weidetieren wie Kühen und Schafen aufgewachsen ist, selbst melken konnte und davon erzählte was für eine Ruhe die Weidetiere ihr immer gegeben hatten. Auch gab es einige Teilnehmerinnen, die noch kaum Berührungspunkte hatten.


Dann führte uns Bäuerin Gitte zu den Weiden direkt hinterm Deich am Elbufer – und zu den Ziegen. Ihre Tiere sind allesamt selten gewordene Harzziegen. Von Anfang haben sich Gitte und ihr Mann Steffen neben der Milch- und Käseproduktion auch der Zucht der alten Ziegenrasse verschrieben. Die beiden hatten den Hof 1998 gegründet. Sie vermarktet heute ihren Rohmilch-Käse über den eigenen Hofladen in Glinde, über Märkte in Magdeburg und Dessau sowie über die Gastronomie. Gitte ist Betriebsleiterin und verantwortlich für die Ziegenhaltung. In Deutschland wird tatsächlich nur jeder neunte Hof von einer Frau geleitet.


Wir sprechen mit ihr auch über ihren Alltag und ihre Erleben als Frau in der Landwirtschaft. Denn auch heute noch halten sich Vorurteile über Frauen in der Landwirtschaft, deren praktische Fähigkeiten oft in Frage gestellt werden und angezweifelt werden (näheres zur Situation von Frauen in der Landwirtschaft findet ihr hier). Frauen müssen sich häufig besonders beweisen, weiß auch Gitte zu berichten. Sie sagt aber auch, dass es ihr mit der Zeit und zunehmender Erfahrung in der Arbeit leichter gefallen ist, sich von solchen Vorurteilen abzugrenzen und zu befreien. Auch seien in ihrem kleinen Dorf gleich drei Landwirtinnen.
Auch wir wollen nach der Führung und wieder zurück unter den Linden noch mit den Teilnehmerinnen über das Thema sprechen und stellen auch noch eine Schäferin aus Mecklenburg-Vorpommern vor (siehe unten). Diese hatte ihre Erfahrungen als Frau in dem harten Beruf mit uns im Vorfeld geteilt hatte. Wie zum Beispiel, dass, wenn sie mit einem männlichen Praktikanten oder Azubi unterwegs sei, immer zuerst diese von anderen Landwirt:innen oder Passant:innen angesprochen würden, oder wie, wenn sie an der Straße Netze stecke für den Nachtpferch, gegafft oder gehupt würde. Auch Gitte teilt einige Erfahrung der Schäferin, merkt aber an, dass es als Wanderschäferin wahrscheinlich ungleich schwieriger ist als Frau* seinen Platz zu finden, da das Umfeld häufig ein neues ist.


Nach diesem Austausch beglückt uns Gitte dann noch mit einer Verköstigung ihrer unterschiedlichen Käsesorten. Ein Gaumenschmaus und eine Entdeckungsreise denn es sind so viele unterschiedlich Arten von Käsen. Und ein guter Schlusspunkt für unseren Workshop, an dessen Ende wir den Teilnehmerinnen auch noch ein Toolkit voller Ideen und Materialien mitgeben, mit dem sie sich auch nach dem Workshop für Frauen und Weiden stark machen können. Vor ihrer Abfahrt wollen die Teilnehmerinnen dann auch nochmal etwas von dem leckeren Käse aus dem Hofladen kaufen.
Wir sind zufrieden mit unserem Workshop, denn die vielen Nachfragen und Berichte aus eigenen Erfahrungen der Frauen haben uns gezeigt, dass beide Themen großes Interesse und die Tiere leuchtende Augen bei den Teilnehmerinnen erzeugt haben. Für uns ist es wichtig immer wieder die Brücke zu schlagen zwischen Produzent:innen und Konsument:innen. Und nichts wirkt da besser als ein Besuch auf einem Hof, Tiere auf der Weide und die lebendige und inspirierende Erfahrung einer starken Bäuerin.
Wollt auch ihr mit uns auf einen Hof und euch für Weiden und Frauen in der Landwirtschaft stark machen? Dann kontaktiert uns und sagt es weiter!
Meldet euch unter: info@aktion-agrar.de
PS: Das Gender-Sternchen (*) dient hier als Verweis auf den Konstruktionscharakter von „Geschlecht“. Das Sternchen hinter „Frauen“ soll verdeutlichen, dass es sich auf alle Personen bezieht, die sich unter der Bezeichnung „Frau“ definieren, definiert werden und/oder sich sichtbar gemacht sehen.
Deborah, 30 – Schäferin in Mecklenburg-Vorpommern


Wie kommst du zur Schäferei:
„Ich bin in der Stadt groß geworden und habe früh angefangen zu hinterfragen, wo unsere Lebensmittel herkommen. Nach meinen ersten Recherchen lebte ich eine Weile vegan. Doch schien mir dies auch nicht die Lösung und dies ignorierte viele positive Effekte der Weidehaltung. So begann ich eine landwirtschaftliche Ausbildung auf einem Betrieb mit Milchvieh und Schweinen in Weidehaltung. Zu den Schafen kam ich dann über Umwege über die Hunde – und das Hüten.
Mir bedeutet viel, dass Tiere ganzjährig auf der Weide und im Familienverbund bleiben. Auch mein Beitrag zur Landschaftspflege und zum Naturschutz ist mir wichtig – wir müssen die Schafe zum Futter bringen, nicht umgekehrt. Und manche Pflanzensamen verbreiten sich nicht von allein, sondern nur über Tiere!
So produziere ich gesundes Fleisch ohne Zufütterung von Kraftfutter. In der Zukunft halte ich die Schäferei für eine der einzigen Möglichkeiten noch Fleisch zu produzieren, ohne dem Klima übermäßig zu schaden.“
Wie erlebst du deinen Berufsalltag als Frau in der Landwirtschaft – was ist besonders prägend für dich?:
„Ich fühle mich in Anwesenheit von Männern bei der Arbeit häufig nicht ernst genommen. Mir wird suggeriert, dass ich durch meine Größe und dadurch, dass ich eine Frau bin, bestimmte Sachen nicht schaffe und nicht die Kraft dafür habe.
Dann wird andererseits besonders betont, wie toll und ungewöhnlich es sei, dass ich es ja doch schaffe und mehr Kraft habe als sie dachten – als wäre ich die Ausnahme.“
Wenn ich mit einem männlichen Praktikanten oder Azubi unterwegs bin, wird zuerst er von anderen Landwirt:innen oder Passant:innen angesprochen – nicht ich. Wenn ich an der Straße Netze stecke für den Nachtpferch, wird gegafft, gerufen oder gehupt – teils sexualisiert, teils als würde ich für manche ihr Weltbild sprengen.“
Was hat dir geholfen deinen Weg zu gehen?:
„Ich habe mich anfangs deshalb viel hinterfragt, ob ich das wirklich schaffe und im richtigen Beruf bin – gerade auch noch als Städterin, wo ja auch noch zusätzliche Hürden und Vorurteile bestehen.
Mittlerweile lache ich über viele Sachen und habe ein starkes Selbstbewusstsein aufgebaut und lasse mit von solchen Sachen nicht mehr beeinflussen.
Mit anderen Frauen zusammenzuarbeiten, mich mit ihnen auszutauschen und uns gegenseitig zu stärken, hat mir sehr geholfen z.B. um mit sexistischen Sprüchen umzugehen – zu merken, dass man mit dem Scheiß nicht alleine ist.“
Was wünscht du dir für die Frauen in der Landwirtschaft in der Zukunft:
„Frauen werden noch immer sehr klassische Rollen aufgedrückt. Diese Rollenbilder gilt es zu überwinden – in der Landwirtschaft und auch gesamtgesellschaftlich – Macker vom Acker!“
Weidejahr trifft Jahr der Frauen in der Landwirtschaft
2026 ist das internationale Jahr der Weidelandlandschaften und des Hirtentums und gleichzeitig das Jahr der Frauen in der Landwirtschaft. Frauen übernehmen weltweit etwa 50 % der Weidetierhaltung. In vielen Hirtengesellschaften, etwa bei den Massai in Kenia oder den Samen in Skandinavien, sind sie zentral für das Herdenmanagement, Tiergesundheit und die Auswahl von Weideflächen. Außerdem verarbeiten und verkaufen sie Milchprodukte und Wolle und sichern damit oft das Familieneinkommen. Ihr Wissen über Wasserstellen, Heilpflanzen und Zuchtpraktiken ist ein wichtiger Teil der Bewirtschaftung von Grasland.
Trotz dieser Rolle sind Frauen in der Weidehaltung strukturell benachteiligt: Sie gelten häufig nur als „mithelfende Familienangehörige“. Weltweit besitzen sie weniger als 15 % des landwirtschaftlichen Bodens. In Entscheidungsprozessen zu Land- und Weiderechten sind sie stark unterrepräsentiert.
In der Mera-Deklaration von 2010 fordert deshalb Hirtinnen die Anerkennung als eigenständige Akteurinnen sowie gleichen Zugang zu Land, Wasser, Bildung und Ressourcen. Sie hat die internationale Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen gestärkt, auch wenn politische Veränderungen zugunsten von mehr Gleichberechtigung oft langsam voranschreitet. Unter dem Namen „Mera+“ wird nun 15 Jahre nach der ursprünglichen Erklärung dieser Prozess weitergeführt.
Frauen in der Landwirtschaft in Deutschland
In Deutschland arbeiten rund 875.900 Menschen in der Landwirtschaft, etwa ein Drittel davon sind Frauen. Sie sind in unterschiedlichen Rollen tätig – als Familienarbeitskräfte, Saisonkräfte, Angestellte oder Betriebsleiterinnen.
Der Frauenanteil in der Ausbildung liegt heute bei etwa 20 % (vor zehn Jahren noch 10 %). Trotzdem wird nur etwa jeder neunte Betrieb von einer Frau geführt, mit regionalen Unterschieden (z. B. bis zu 20 % in Brandenburg, ca. 10 % in Bayern).
Frauen arbeiten überdurchschnittlich häufig in tierhaltenden und kleineren Betrieben sowie im Futter- und Gartenbau. Die Hofnachfolge bleibt ein zentraler Faktor: Obwohl viele Betriebe innerhalb der Familie weitergegeben werden, sind nur rund 18 % der geplanten Übergaben auf Frauen ausgerichtet – auch wenn weibliche Nachfolgen zunehmend zunehmen.
Weiterführende Links:
Bündnis für Weidelandschaften und Hirtentum
Internationales Jahr der Frauen in der Landwirtschaft (Version ENG hier)
Thünen Institut – Die Bedeutung von Frauen in der Landwirtschaft
Workshops gefördert durch:



Dieses Projekt wird von Slow Food Youth und der Europäischen Union kofinanziert. Für den Inhalt ist ausschließlich Aktion Agrar e.V. verantwortlich; die hier dargestellten Positionen geben nicht den Standpunkt der Fördergebenden wieder.
Dein Newsletter für die Agrarwende!
Mit dem Aktion Agrar-Newsletter bleibst du stets informiert über unsere Kampagnen und Projekte für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.
Erhalte exklusive Einblicke in unsere Arbeit, inspirierende Geschichten von Bäuer:innen und Engagierten sowie Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden.
Sei Teil unserer Bewegung für eine lebenswerte Zukunft – abonniere jetzt unseren Newsletter!

Hier abonnieren:
Spende jetzt für Aktion Agrar!
Denn gemeinsam mit vielen Menschen aus den Städten und vom Land erzählen wir Geschichten, die Hoffnung machen.
Deine finanzielle Unterstützung ermöglicht es uns, politische Arbeit, Bildungsprojekte und Kampagnen effektiv umzusetzen und echte Veränderungen zu bewirken.
Hilf uns, die Agrarwende wirkungsvoll voranzutreiben und eine positive Zukunft zu gestalten!


