Saatgutinitiative 1: Regionalsortenprojekt des Keyserlingk Instituts

Sortenvielfalt stärken und gemeinsam Verantwortung für den Erhalt von Nutzpflanzenvielfalt übernehmen? Wie kann das gelingen in einer Land- und Lebensmittelwirtschaft, wo viele Erzeuger*innen im Preiskampf mit dem Handel oft den Kürzeren ziehen und Kund*innen häufig den günstigen Preis immer noch als wichtiger erachten als die Qualität?

Wir blicken in die Bodenseeregion und uns fallen einige Bäckereien auf, bei denen es seit 2005 ungewöhnliche Brote zu kaufen gibt. Diese Brote sind mit einem Saatgut-Logo ausgestattet und werden aus regionalen Getreidesorten gebacken. Dahinter steckt das Regionalsortenprojekt des Keyserlingk-Instituts. Um dem anonymen Saatguthandel eine Alternative entgegenzustellen und regional angepasste Sorten anzubauen, arbeiten Bauern und Bäuerinnen mit den Züchtern des Keyserlingk-Instituts, mit Bäckereien, Mühlen und dem Naturkosthandel zusammen. Das Ziel ist es, die Züchtung, den Anbau, die Verarbeitung und die Vermarktung von alten und regionalen Sorten zusammenzubringen und zu fördern.

SI1-saatgutbrot

Wie funktioniert das Ganze?

Beim Regionalsortenprojekt ziehen Landwirte, Bäcker und Händler gemeinsam an einem Strang.

Das Keyserlingk-Institut vermehrt in Zusammenarbeit mit Bio-Betrieben der Bodenseeregion alte Getreidesorten und züchtet Sorten, die an die regionalen Anbaubedingungen angepasst sind. Wer bei alt an muffig denkt, wird hier eines Besseren belehrt. So hat die aus einer Hofsorte selektierte Weizensorte ‚Goldritter‘ beim Geschmack und Geruch Bestnoten bei einem Backwettbewerb erhalten, der von der Universität Hohenheim begleitet wurde. Das Projekt umfasst außerdem z.B. die seltenen Weizensorten ‚Hermion‘ und ‚Karneol‘, die Roggensorte ‚Rolipa‘ und eine Linsensorte.

Das Saatgut wird an 10 Landwirte in der Bodenseeregion weitergegeben, die das Brotgetreide nach biologisch-dynamischen Methoden anbauen. Anschließend vermahlen zwei Mühlen das Getreide zu Mehl aus dem regionale Bäckereien eine Vielfalt an Broten backen. Zum Beispiel das Gewürzbrot der Bäckerei des Lehenhofs, das mit vollem Aroma, guter Bekömmlichkeit und langer Haltbarkeit punktet. Mit einem Saatgut-Logo wird das Brot an der Bäckertheke und das Mehl im Naturkostladen angeboten und beworben.

Große und kleine Brotesser und Brotliebhaberinnen unterstützen über den Kauf das Projekt. 10 ct/ kg Backweizen und 5 ct für eine Packung Mehl oder Linsen fließen zurück in die Züchtung, um die Erhaltung und Weiterentwicklung der schon vorhandenen Sorten zu ermöglichen.

Gelungen ist dieses Gemeinschaftsprojekt durch die Bereitschaft Zeit einzubringen und viele Absprachen zu treffen: „Denn man muss kommunizieren. Man muss reden. Denn ich kann als Landwirt nicht einfach sagen, ich will meinen Weizen anbauen und Punkt. Sondern ich muss schon bereit sein und der Bäcker muss bereit sein und der Züchter muss bereit sein und auch die Verbraucher müssen bereit sein mit den anderen in der Wertschöpfungskette zu reden. Das ist das Wesentliche.”, beschreibt es ein teilnehmender Betrieb.

Inzwischen wird im Projekt nicht nur Weizen und Roggen gezüchtet, vermehrt und verbacken sondern auch Hartweizen, das Wildgetreide Dasypyrum und Linsen. Dazugekommen ist auch ein Nudelhersteller aus der Nähe, der aus dem regionalen Weizen leckere Pasta macht. Das Projekt ist also schon eine kleine Erfolgsstory.

  • SI1-Hartweizen 2019
  • SI1-Hartweizen in Hand
  • SI1-Hartweizenkreuzung 2019 (2)
  • SI1-Hartweizendrusch
  • SI1-Keyserlingk-Institut Feldtag 2018

Was passiert mit dem Saatgut?

Das Saatgut wurde anfangs nur innerhalb der Gemeinschaft abgegeben. Eine Genehmigung dafür wurde vom Bundessortenamt erteilt. Inzwischen sind 6 Regionalsorten als „Erhaltungssorten“ anerkannt. Dadurch kann das Saatgut jetzt auch nach außen abgegeben werden. Jährlich werden 10–20 t Saatgut der Erhaltungssorten verkauft. Mittlerweile werden sogar einige der Sorten auch außerhalb der Bodenseeregion in Frankreich und Österreich angebaut.

Was motiviert die Züchter, Bäcker und die Landwirte?

Die Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmenden kommt aus der Motivation, „dass man ja so eine Sache [wie den Sortenerhalt und die Züchtung regional angepasster Sorten] nur gemeinsam tragen kann, wenn […] eben alle bereit sind, etwas dafür zu bezahlen. Das ist ja die Grundlage.

Klaus Niedermann vom Hof Höllwangen vermehrt eine der Getreidesorten und unterstützt das Keyserlingk-Institut bei der Vorvermehrung. Ihm war und ist es wichtig, „dass wir Sorten haben, die auf unsere Bedingungen angepasst sind„. Die Landwirte sind „froh, dass es da ein Institut gibt, das die Grundlagen für uns erarbeitet. […] Und deshalb bauen wir ja auch diese Sorten an, weil sie qualitativ sehr gut sind.” Auch im letzten Jahr, dem Dürresommer 2018, haben die Regionalsorten noch gute Erträge gebracht. Demnach sieht sich der Hof Höllwangen mit seiner regionalen Sortenwahl gut aufgestellt, um neuen klimatischen Herausforderungen im Ackerbau vom Korn an zu begegnen.

Udo Hennenkämper vom Keyserlingk-Institut fügt hinzu: „Für viele ökologisch wirtschaftende Landwirte ist [es] von Bedeutung, die Verantwortung für das Saatgut in die eigene Hand zu nehmen und dadurch unabhängig zu sein von Saatgut aus konventioneller Züchtung.” Denn die Züchtungsziele  ökologischer Sortenentwicklung unterscheiden sich grundlegend von denen konventioneller Züchtungen. Die Züchter des Instituts sind gleichzeitig „davon überzeugt, nicht nur abstrakt vor sich hin zu züchten, sondern auch gleich mit der wirtschaftlichen Wirklichkeit verbunden zu sein”. Geschätzt wird das viele Feedback von den Landwirten und den Förderern: „Im Austausch zu sein um zu erfahren, was die Wünsche der Partnern aus der Wertschöpfungskette sind”, ist für die Teilnehmenden besonders wertvoll.

SI1-Landessortenveruche Hohenheim

Was wünschen sich die Projektteilnehmenden?

Die Züchter vom Keyserlingk-Institut wünschen sich mehr Sortenbewusstsein und damit mehr Faszination für die geschmacklichen Unterschiede und die Vielfalt an Sorten. Sie wünschen sich von der Politik die EU-Erhaltungsrichtlinie für alte Sorten weiterzuentwickeln, die bisher nur die starre Erhaltung ermöglicht und die Weiterentwicklung alter bestehender Sorten momentan noch einschränkt. Denn alte Sorten, die dynamisch an neue Standortbedingungen angepasst werden, fallen nach der aktuellen Erhaltungsrichtlinie aus der Zulassung.

Dringend notwendig wäre es auch, mehr öffentliche Gelder für die Züchtung von regional angepasstem Saatgut und ökologischem Saatgut zur Verfügung zu stellen. Gerade im Gemüsebau sieht das Projekt hier noch großen Handlungsbedarf, da 95% des Gemüsesaatguts „Hochleistungshybride von großen Konzernen sind” und es kaum leistungsstarke Alternativen dazu gibt.

Klaus Niedermann vom Hof Höllwangen wünscht sich bei der Finanzierung allerdings auch mehr Wertschätzung seitens der Verbraucher*innen, „da sonst das, was an Züchtung hauptsächlich passiert, nur noch die Chemie-Riesen machen und da sind natürlich ganz andere Interessen da”. Er wünscht sich, dass öfter, wie am Bodensee beim Kauf von Mehl oder Brot, ein paar Cent mehr bezahlt werden, um kleine und regionale Züchtungsinitiativen zu ermöglichen.

Was können wir vom Projekt lernen?

Nachahmung ist erwünscht! – So gibt es inzwischen auf der Schwäbischen Alb ein ähnliches Projekt, das Albweizen-Brot. Bioland-Bauern auf der Schwäbischen Alb bauen hierfür das Getreide von Sorten des Keyserlingk-Instituts an. Denkbar sind natürlich auch Sortenprojekte, die sich nicht um Getreide drehen. Zum Beispiel könnten verschiedene regional angepasste Maissorten in kleinen Kinos zu ganz speziellem und regionalem Popcorn gemacht werden.

Für Menschen ohne eigenen Acker, die sich für Saatgut und Sortenvielfalt interessieren, empfiehlt Klaus Niedermann selbst im Garten anzufangen mit der Vermehrung und dem Erhalt von alten Sorten, Erfahrungen zu sammeln und so ein Gefühl dafür zu bekommen, was Züchtungsarbeit bedeutet.

Was bleibt?

Am Bodensee ist es durch intensiven Austausch und viele Absprachen im gegenseitigen Vertrauen gelungen, eine Vernetzung auf Augenhöhe entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufzubauen. Züchtung, Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung und regionale Wirtschaftsgemeinschaften unterstützen sich gegenseitig und haben nachhaltige Wirtschaftskreisläufe geschaffen – Saatgut als gemeinsames Gut einer Region, Saatgut von Bäuer*innen für Bäuer*innen.

Wir sind inspiriert und wünschen uns mehr solcher regionaler Vernetzungen, mehr Wertschätzung für Lebensmittel und ein gemeinsames Anpacken für Sortenvielfalt, bäuerliche Saatgutsysteme und die Agrarwende.


Förderung FEB