Suchergebnisse für: : Gülle

30. Juni 2015 Kommentare sind deaktiviert Leonie Dorn
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Güllehahn zudrehen!

Wir fordern eine konsequente Düngeverordnung.

10. März 2015 Kommentare sind deaktiviert Karen Schewina
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Schweine, Bier und Gülle

Am 18. März starten endlich unsere nächsten Aktionen nach der Gülleschweinerei und der „Wir haben es satt“ Demo im Januar. Ich bin Jola und zum ersten Mal mit Aktion Agrar unterwegs. Anfang Februar habe ich ein Praktikum bei der Bewegungsstiftung angefangen und weil Jutta praktischerweise am Schreibtisch nebenan sitzt, kamen wir schnell ins Gespräch. Es macht mir unheimlichen Spaß, mich mit der neuen Problematik zu befassen und langsam aber sicher die Zusammenhänge in Sachen Agrarwende zu verstehen. (mehr …)

6. Januar 2015 Kommentare sind deaktiviert Karen Schewina
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Tierfabriken den Güllehahn zudrehen – Aktion vor dem BMEL

Berlin lädt an diesem ersten Montag im Jahr 2015 nicht gerade zu einem Stadtbummel ein. Eilig laufen die Menschen in ihre Jacken gehüllt vorüber, einige schützen sich mit einem Schirm gegen den leichten Regen. An der Ecke Wilhelmstraße/Französische Straße, direkt vor der Tür des Bundeslandwirtschaftsministeriums laden Aktivist*innen ihre Requisiten aus zwei Autos aus: Strohballen und eine Menge Holz, Besen, Schrubber, Kanister mit brauner Brühe darin. (mehr …)

6. Januar 2015 Kommentare sind deaktiviert Leonie Dorn
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Eine Gülleflut mitten in Berlin

Eine Gülleflut mit Traktor und Heuballen – und das alles direkt vor dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in Berlin. Das war die erste Protestaktion von Aktion Agrar am 05. Januar.

Zunächst fand ein Pressegespräch statt, zu dem Aktion Agrar und das Aktionsbündnis Agrarwende Berlin-Brandenburg eingeladen hatten. Der Saal war voll, viele schrieben mit, als es um die Überdüngungs-Problematik und die scharfe Kritik an dem mutlosen Entwurf der Düngeverordnung ging. Danach trafen die Journalist*innen vor dem Landwirtschaftsministerium auf rund 20 Aktive, die vor einer „Tierfarbik“ auf sie warteten. Der Gestank von Gülle lag in der Luft.

In einer dramatischen halben Stunde flossen 50 Liter Gülle, durchsetzt mit Pillenattrappen, durch das Rohr aus der Tierfabrik. Die Putztruppe in Schutzanzügen musste sich anstrengen, die gefährliche Gülle in Schach zu halten. Das Spektakel wurde untermalt durch aufgeregtes Schweinegrunzen.

Fotos von der Aktion findest Du hier…

Pressebeiträge und Artikel findest Du hier…

 

30. Dezember 2014 Kommentare sind deaktiviert Leonie Dorn
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Tierfabriken und Gülle

Gülle als Spitze des Eisberges

Da zu den meisten Groß-Ställen kaum Flächen gehören, die für die Futtermittelproduktion genutzt werden können, ist die Gülle zum Schwachpunkt der Agrarindustrie geworden: Die Tierfabriken wissen nicht mehr, wohin damit. Für uns ein Ansatz für die Kampagne „Den Tierfabriken den Güllehahn zudrehen“.

Längst ist unser Trinkwasser in Gefahr. Immer mehr Wasserwerke warnen vor der Gefahr der Grundwasser-Verunreinigung und müssen bereits nitrat-reiches mit nitrat-armem Wasser mischen. Das ist sehr teuer und wird immer schwieriger. Arten sterben, Antibiotika-Rückstände in der Gülle haben fatale Folgen. Dabei sind die Ausscheidungen der Nutztiere sind ein wertvoller Dünger. Sie sind allerdings noch wesentlich wertvoller, wenn sie gar nicht als Gülle anfallen, sondern als Festmist, der entsteht, wenn die Tiere nicht auf Spaltenböden stehen, sondern auf Stroh-Einstreu.

Tierfabriken sind Mega-Ställe, die wegen der Haltungsbedingungen regelmäßig in der Kritik stehen. Sie halten viel mehr Tiere, als das Land rings herum verkraften kann. Deren Gülle verseucht das Grundwasser mit krebserregendem Nitrat. Auf den Feldern und in Flüssen und Meeren vernichtet die Gülle die Artenvielfalt. In LKWs wird die braune Brühe durch die Lande gefahren, Millionen Tonnen importierte Gülle aus den Niederlanden, wo inzwischen strengere Regeln gelten, kommen hinzu.

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Die Medikamente, die die Tiere in zu großen Mengen bekommen, landen auch in der Gülle und beeinträchtigen Bodenbakterien. Sie können uns im Wasser und der Nahrung wieder begegnen. Multiresistente Keime sind ein Ergebnis des massiven Antibiotika-Einsatzes. Sie reisen auch mit der Gülle und gefährden die Gesundheit von Mensch und Tier.

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Dabei geht es hier nicht nur um ein Schnitzel. Über 33 Millionen Schweine, wie sie 2013 in Deutschland geschlachtet wurden bringen Fleischmengen, die wir kaum begreifen können und Güllemengen, die sowohl unsere Vorstellungen sprengen als auch die Möglichkeiten der Natur, mit den Nährstoffen umzugehen.

Deshalb fordert Aktion Agrar, dass eine konsequente Hoftorbilanz eingeführt wird. Wenn jeder tierhaltende Betrieb darlegen müsste, welche Nährstoffe auf den Hof kommen und welche ihn verlassen (als Fleisch und als pflanzliche Produkte, als Verluste und als abgegebene Gülle), wäre es leichter die Wege der Gülle zu verfolgen und die Einhaltung der Vorgaben zu überprüfen.

 

 

Deutlich wird in unserer kleinen Gegenüberstellung auch: Wo eine Kreislaufwirtschaft funktioniert, gibt es das Gülleproblem nicht.

Letztlich geht es über die Düngeverordnung hinaus darum, den Trend zur Tierfabrik zu stoppen. Deshalb fordern wir: Verschärfungen im Baurecht, um den Bau neuer Megaställe zu verhindern und die Förderung flächengebundener Tierhaltung sowie der heimischen Futterproduktion.

13. Oktober 2014 Kommentare sind deaktiviert palasthotel
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Tierfabriken den Güllehahn zudrehen!

Tierfabriken verdrängen die bäuerliche Landwirtschaft und machen aus der Tierhaltung mitleidlose Industrieprozesse. Sie produzieren gigantische Mengen an Gülle, die das Grundwasser verseuchen, die Artenvielfalt zerstören und mit resistenten Keimen die Gesundheit von Menschen und Tieren gefährden.

Die Landwirtschaftsminister/innen müssen handeln: Die Hälfte der Grundwasserbrunnen sind bereits nitratverseucht, weil zu viel Stickstoff aus den Fäkalien versickert. Die EU droht mit einer Klage gegen Deutschland, weil schwache Regulierungen beim Umgang mit der Gülle europäischen Richtlinien widersprechen. Der mutlose Reformvorschlag der Düngeverordnung von Landwirtschaftsminister Schmidt (CSU) wird die Gülleflut nicht eindämmen. Jetzt müssen die Landwirtschaftsminister/innen der Länder das Ruder in die Hand nehmen. Sauberes Trinkwasser und millionenfaches Tierleid stehen auf dem Spiel.

Unterzeichnen Sie hier unseren Appell!

Die Reform der Düngeverordnung nutzen

Eine einzelne Verordnung macht noch keine Agrarwende.

Aber die Menge der Gülle, die pro Hektar ausgebracht werden darf und die Regeln, wann und wie das zu geschehen hat, gehören zu den großen Fragen einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.

Wir fordern

* Strenge Obergrenzen für die Gülleausbringung

170 kg Stickstoff pro Hektar erlaubt die EU, davon soll nicht mehr als um 40 kg nach oben abgewichen werden. Es braucht jetzt strenge, an Boden und Kultur angepasste Obergrenzen, die auch mittels Bodenproben kontrolliert werden. Letztlich muss die Tierzahl zu den vorhandenen Flächen passen und entsprechend begrenzt werden. Es gibt Beratungs- und Begleit-Modelle zum Beispiel in Wasserschutzgebieten, die zeigen, dass dies funktionieren kann.

* eine echte Hoftorbilanz

Damit die betriebsspezifische Beratung und Kontrolle gelingen kann, muss eine Hoftorbilanz her, die zeigt, welche Nährstoffe ein Hof aufnimmt und abgibt. Je weniger eigene Flächen vorhanden sind, desto größer wird der Überschuss. In der Diskussion sind verschiedene Modelle, die ihre Aufgabe verschieden gut erfüllen können.

* eine transparente Transportdatenbank

Wir wissen nicht, wo die Gülle aus den Großanlagen landet. Bewiesen ist: zu oft landet der Wirtschaftsdünger auf den selben Flächen. Im Notfall wissen Mediziner nicht, welchen Weg multiresistente Keime zurückgelegt haben. Es gibt bereits Erfassungen von abgegebenen Düngemengen in einigen Bundesländern auf den Höfen. Eine Meldepflicht fehlt jedoch noch.

* Strafbarkeit von Verstößen

Wenn wie bisher relevante Regeln der Verordnung ohne eine Möglichkeit einer Strafe verletzt werden können, sind die Behörden machtlos. Die Düngeverordnung braucht Zähne, Verstöße müssen mit Bußgeldern geahndet werden können.

Letztlich geht es über die Düngeverordnung hinaus darum, den Trend zur Tierfabrik zu stoppen.

Deshalb fordern wir:

* Verschärfungen im Baurecht, um den Bau neuer Megaställe zu verhindern.

Die meisten großen Tierfabriken können verhindert werden, wenn es klare Auflagen gibt zum Schutz der Gesundheit und Bewegungs-Möglichkeiten sowie Auslauf der Tiere und zum Schutz der Umwelt und Nachbarn des Stalles vor Schadstoff-, Lärm- und Geruchs-Emmissionen.

In einigen Bundesländern sind hier Fortschritte gemacht worden, in anderen stehen sie aus. Die Gemeinden brauchen stärkere Mitspracherechte.

* die Förderung flächengebundener Tierhaltung und heimischer Futterproduktion

Mit rund 100 Euro pro Jahr und Kopf fördert die EU die Landwirtschaft. Das würde reichen, um eine echte Agrarwende zu finanzieren. Es ist höchste Zeit, dass gezielt die flächengebundene und artgerechte Tierhaltung gefördert wird und die heimische Futterproduktion. Echte Kreislaufwirtschaft auf den Höfen muss das Ziel sein, dafür braucht es Weideflächen und Flächen für den Futteranbau. Der Import von – meist gentechnisch verändertem – Futtersoja aus Südamerika ist eine ökologische und soziale Katastrophe.

Helfen Sie mit, den Tierfabriken den Güllehahn abzudrehen!

Sobald wir über 5.000 Unterschriften gesammelt haben, wollen wir sie Landwirtschaftsminister Schmidt und den Agrarminister/innen der Länder überreichen. Neben der Bildaktion „Gülleflut vor dem Landwirtschaftsministerium“ am 5. Januar in Berlin planen wir einen Auftritt auf der Wir-haben-es-satt-Demo am 17. Januar und weitere Aktionen zum Stopp von Tierfabriken in den Bundesländern.

Hier können Sie unterzeichnen.

 

Fragen und Antworten zu „Tierfabriken den Güllehahn zudrehen“ finden Sie in unserer FAQ.

Infografiken zu Tierfabriken finden Sie HIER.

Unterstützen Sie unsere Kampagne: Werden Sie Teil des Aktion Agrar-Netzwerkes!

1. Juni 2021 Kommentare sind deaktiviert Michael Krack
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Acker(-)Land-Tour – 29. August bis 3. September 2021

Für die Zukunft einer bäuerlichen Landwirtschaft und den Zugang zu Land waren wir vom 28.08. bis 03.09.2021 mit 24 Teilnehmer:innen aus den verschiedensten Ecken des Landes unterwegs auf einer Aktionsradtour durch das östliche Brandenburg. Auch 30 Jahre nach der Wende ist Ostdeutschlands Land(wirt-)schaft stark geprägt von ihrer Geschichte. Riesige Flächen – und rasant ansteigende Bodenpreise. In den fünf Tagen der Acker(-)Land-Tour haben konnten wir uns aus erster Hand ein Bild der Lage auf den Höfen und der aktuellen Situation auf dem Bodenmarkt machen.

Sonntag, 29. August

Gespannt auf das Programm der nächsten Tage treffen am frühen Nachmittag die Teilnehmer:innen der Aktionsradtour in Hangelsberg, 30km östlich von Berlin, ein. Die meisten kommen mit der Bahn, wenige sind sogar den kompletten Weg mit dem Rad angereist. Noch hält das Wetter, sodass wir Fahnen und Minibanner für die Fahrradrahmen malen können: So können auch Passant:innen sehen, mit welchem Thema wir unterwegs sind. Dann geht es los, 28 Kilometer bis nach Waldsieversdorf zum ersten Übernachtungshaus.

Nach einer Vorstellungsrunde starten Philine und Lena von Aktion Agrar mit einem Einführungsvortrag ins Thema: Was ist Landgrabbing im Globalen Süden, was ist der Konflikt zum Zugang zu Land in der EU und in Deutschland? Sie machen deutlich, dass es im globalen Vergleich große Unterschiede gibt, aber auch hier ist die Ungleichverteilung von Land gravierend. In der EU bewirtschaften 3% der Höfe 52% der Fläche, während 75% der Betriebe sich 11% der Agrarflächen teilen. Und es sind vor allem die kleinen Betriebe, die aufgeben: Von den in den letzten Jahren in Deutschland geschlossenen Höfen waren 97% kleiner als 10 Hektar.

Spannende Nachfragen verraten großes Interesse und vielfältiges Vorwissen der Teilnehmer:innen. Eine Teilnehmerin engagiert sich seit Jahren in Thüringen für den Zugang zu Land und berichtet von der unbefriedigenden Diskussion um ein Agrarstrukturgesetz, das sowohl in Thüringen als auch in Sachsen-Anhalt zu besseren Rahmenbedingungen für kleinere Betriebe und Junglandwirt:innen führen könnte, aber noch immer Zukunftsmusik ist.

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Montag, 30 August

Nach dem Frühstück liegt nur eine kleine Distanz vor der Gruppe.

Waldpferdehof Müncheberg-Dahmsdorf

Betriebsleiter Jan Sommer stellt seinen Betrieb vor: Zusammen mit seiner Frau und zwei FÖJ-ler:innen sowie Praktikant:innen bewirtschaftet er inzwischen 53 Hektar. Den Betrieb aufnehmen konnten sie 2009, damals fast ohne Land, sodass sie sich kontinuierlich um Wachstumsperspektiven für den Hof bemühen mussten.

Auf dem Hof arbeiten sie mit fünf Kaltblutpferden im Wald und im Gemüse, das sie auf vier Hektar anbauen und unter anderem im Hofladen verkaufen. zusammen mit Brot der Berliner Bäckerei Märkisches Landbrot aus dem eigenem Getreide.

Erst vor kurzer Zeit konnten sie die Betriebsflächen durch die Zupacht von 20 Hektar beinahe verdoppeln. Auf dieser Fläche pflanzten sie zuerst Hecken. Für einen schnellen Aufwuchs in einer Außenreihe mit Pappeln und Weiden. An dieser Stelle lädt Jan Sommer zu einer Diskussion über die Aufwertung oder Abwertung von Flächen durch Pächter:innen ein und die unterschiedlichen Blickwinkel: Während ihm jede Hecke ein Gewinn für die Fläche, deren Mikroklima und Erosionsschutz ist, bedeuten dieselben Gehölze eine Beeinträchtigung für Betriebe, die mit ganz großen Traktoren arbeiten wollen. Vor diesem Hintergrund sind auch Landpreise schwierig zu bewerten. Die Flächen unterscheiden sich enorm. Weil Jan Sommer seine Flächen „im Blick“ behalten will und lange Wege viel Zeit kosten, ist es ihm auch sehr wichtig, sie möglichst nah am Hof zu erwerben oder zu pachten.

Im zweiten Teil des Besuchs vertiefen wir die Frage nach dem Zugang zu Land.

Jan Sommer arbeitet seit Jahren auch in der Politik. Dort setzte er sich unter anderem dafür ein, dass im Wahlprogramm der Grünen für die Bundestagswahl die Forderung landete, die Treuhand-Tochter BVVG möge überhaupt kein Land mehr privatisieren, sondern ausschließlich verpachten. Das aber zu fairen Konditionen an Betriebe, die sich der Zukunftslandwirtschaft widmen und möglichst auch junge Betriebe, die Neues ausprobieren.

Um den Zugang zu Land zu erleichtern, müsse aber letztlich auf allen Ebenen etwas passieren:

Die Bundesländer könnten Agrarstrukturgesetze verabschieden, um die Entwicklung vielfältiger landwirtschaftlicher Betriebe zu begünstigen.

Allerdings bedarf es zuvor eines Leitbildes und dieses zu entwickeln hat sich als enorme Herausforderung erwiesen. Die Vorstellungen der kleinen und größeren Betriebe, des Bauernverbands und der Jungbäuer:innen gingen regelmäßig weit auseinander. Auch die Diskussion in Ost- und West-Deutschland zeigt große Unterschiede. Im Osten sind die zahlreichen LPG-Nachfolgebetriebe sehr groß und sprechen sich bspw. klar gegen eine Kappung der europäischen Direktzahlungen aus, während dies im Westen als eine wichtige Möglichkeit genannt wird, den Anreiz für Großinvestoren zu reduzieren, ständig weitere Flächen zu erwerben.

Schließlich sieht Jan Sommer die Landkreise in der Pflicht. Vor allem fehle es dort an Transparenz. Es gäbe keinen fairen Markt für Flächen, nie wird öffentlich, welcher Betrieb eigentlich welche Flächen habe und zu veräußern plane.

Trotz frustrierender Erfahrungen hofft der Landwirt, dass in der Gesellschaft die Bedeutung der Bodenpolitik zunehme. Für viele Betriebe sei es eine Frage von Sein oder Nichtsein.

Nach dem interessanten Einblick fahren wir weiter nach Neuendorf im Sande zur Solawi Lawine. Trotz fieser Wettervorhersagen kommen wir bei leichtem Nieselregen gut beim noch jungen Projekt an.

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Neuendorf, Solawi Lawine

Das Gelände des Gutshofs, auf dem das große Gemeinschaftsprojekt „Zusane“ – „Zusammen in Neuendorf“ – entsteht, hat eine lange Geschichte. Im frühen 20. Jahrhundert diente es als „Hachschara“, war eine Hofstätte an der vor allem junge Jüdinnen und Juden eine landwirtschaftliche Grundausbildung absolvieren konnten, um ihre Chancen nach der Auswanderung aus dem antisemitisch gestimmten Deutschland zu verbessern. 1938 übernahmen die Nazis das Gelände, ab 1941 war es Zwangsarbeitslager. Die Nazis deportierten die Jüd:innen von hier schließlich nach Auschwitz.

Zur Zeit der DDR war das Gut Neuendorf ein volkseigener Betrieb, an dem zahlreiche Menschen in der Landwirtschaft arbeiteten.

Eine Gruppe entschlossener Menschen wollte dem Ort schließlich eine neue Perspektive geben und konnte mit Unterstützung von zwei Stiftungen (Trias und Terra Libre) Gebäude und Gelände 2018 kaufen. Die 30 Projektmitglieder gründeten einen Verein, zogen aufs Gelände und bauen seitdem Stück für Stück selbstverwalteten und sozialverträglichen Wohnraum, Werkstätten für Handwerker:innen und einen ökologischen Landwirtschaftsbetrieb auf.Gebäude und Flächen können durch Erbbaurechtsverträge mit den Stiftungen sowie durch Pachtverträge für die Agrarflächen langfristig genutzt werden.

Auf dem Gelände befinden sich 8 Wohnhäuser, zum Projekt gehören 36 Hektar Land, von denen ein Teil an Externe verpachtet wird, 16 Hektar bewirtschaftet die Gruppe selbst.

Die Solawi Lawine ist 2019 gestartet. 6 Frauen sind die Betriebsleiterinnen, zwei Pferde helfen auch hier beim Gemüsebau. Etwas über 70 Haushalte aus der Region werden mit frischem Gemüse versorgt.

Wir lernen eines der Arbeitspferde kennen und können einen Blick in die Gewächshäuser und auf die Gemüseanbauflächen werfen. Die Gemeinschaft backt schließlich für alle hungrigen Menschen am Ort Pizza im Draußen-Ofen, der Abend dient dem entspannten Austausch, unter anderem am Lagerfeuer.

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Dienstag, 31. August

Zu Beginn der Fahrt ist Regenzeug noch notwendig, dann stabilisiert sich das Wetter.

Die erste Station ist das Landratsamt in Seelow.

Die Gruppe begrüßen Amtsleiter Landwirtschaft und Umwelt Jan Paepke und seine Mitarbeiterin Frau Becker, die mit den Grundstücksverkehrsprüfungen nach Grundstücksverkehrsgesetz täglich befasst ist.
Herr Paepke gibt einen Einblick in die Agrarstruktur des Landkreises Märkisch-Oderland. Er weist darauf hin, dass in Ostdeutschland rund 70% des Ackerlandes Pachtland sind und nur 30% Eigentum, das sei im Westen genau umgekehrt, wobei sich dort auch der Trend zu Pacht zeige.

Es gibt derzeit 590 Höfe im Landkreis, davon sind 228 Haupterwerbsbetriebe. 138 werden durch eine juristische Person (87 davon sind GmbHs, eine ist eine AG) betrieben und sie bewirtschaften 68% der Flächen. 59 Betriebe (=7,5%) sind Ökobetriebe. Die Veränderungen in der Agrarstruktur sind in den letzten Jahren nach Herrn Paepkes Beobachtungen relativ gering gewesen.

Für die Region gilt, dass sie schon lange mit Trockenheit zu kämpfen hat. Daneben machen sogenannte Minutenböden den Ackerbau zur Herausforderung. Die Energieerzeuger drängen auf das Land, bisher sind ca. 700 Hektar mit Agro-PV-Anlagen bebaut.

Frau Becker berichtet von ihrer täglichen Arbeit mit dem Grundstücksverkehr. Rechtlich stehen drei Monate pro Verfahren zur Verfügung, der Prüfaufwand erhöht sich aber seit langem durch zusätzliche Verordnungen und Anforderungen. Eine große Rolle spielt die Klärung, ob bei einem Verkauf einer Fläche Einsprüche erhoben werden. Ist der Kaufinteressent selbst kein landwirtschaftlicher Betrieb, sieht das Grundstücksverkehrsgesetz ein Vorkaufsrecht für Landwirt:innen vor. Das hat aber viele Hürden. So erlischt z.B. das Vorkaufsrecht, wenn ein Betrieb bereits über 35% Flächen im Eigentum hat. Schon hier beginnt das Detektivspiel für die Behörde: die Daten, was wer gepachtet hat, sind oft nicht leicht zu ermitteln.

Wenn das Vorkaufsrecht beansprucht wird, kauft die Landgesellschaft die Flächen zu dem Preis, den der Verkäufer mit dem ursprünglichen Kaufinteressenten vereinbart hatte. Der Bauer, der nun zum Zuge kommen will, muss durch diese Regelung die doppelte Grunderwerbssteuer aufbringen plus Bearbeitungsgebühren der Landgesellschaft. Das steigert den Kaufpreis um rund 25% gegenüber dem Preis, den der Verkäufer zunächst forderte und benachteiligt die Bauern deutlich.

Praktisch ist dadurch seit Jahren kein Vorkaufsrecht genutzt worden im Landkreis, da sich keine Landwirt:innen melden, die zu diesem Preisen ihr Vorkaufsrecht nutzen wollen bzw. können. Weil das Land so unerschwinglich geworden ist, verkaufen viele Flächenbesitzer:innen an Investoren. Landwirt:innen hoffen hingegen auf einen faire Pachtpreise.

Das Amt hat zudem die Aufgabe, bei Kauf-Anzeigen zu prüfen, ob der Landkauf lediglich der Geldanlage dienen soll. Der Bauernbund und der Bauernverband sind in die Prozesse einbezogen. Frau Becker hat laut Gesetz die Möglichkeit, einen Verkauf zu einem zu hohen Preis zu versagen. Aber das ist in der Praxis schwierig, weil es viele verschiedene Grundlagen für die Wertbestimmung gibt: Vergleichswerte, Marktwerte, Ertragswerte. Dann kommen z.B. Gutachten auf den Tisch, dass eine Fläche eine besonders günstige Lage zur Großstadt Berlin habe oder vieles mehr.

Ein Großteil ihrer Arbeitszeit vergehe inzwischen damit, Urteile zu lesen, berichtet Frau Becker. Jeder behördliche Eingriff in Eigentumsrechte sei eine schwierige Sache und vom Gesetzgeber mit hohen Hürden versehen. Dem Amt ist es verboten, aktiv die Agrarstrukturentwicklung zu lenken.

Frau Becker bestätigt, dass die BVVG die Preise mit angetrieben hat. Unter anderem war es immer schwierig, dort Details nachzuvollziehen, weil die BVVG sich auf interne Vergleichsdaten beruft.

Im Grundstücksverkehr habe vor allem die Finanzkrise 2008 zugeschlagen: Die niedrigen Zinsen machten Land zu einer zunehmend attraktiven Anlagemöglichkeit. „Alle wollen Land – und 3 Prozent Rendite hatten Rossmann, Steinhoff und Co sicher“, sagt Herr Paepke. Diese Investoren verpachten meist an Landwirt:innen und machen langfristige Verträge. Die Kombi aus viel Geld, der Biogasförderung und der intensiven Tierhaltung, die Flächen für ihre Gülle brauche, sind aus seiner Sicht die wichtigsten Preistreiber.

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Weiterfahrt zum Hof Basta.

Dort erwartet René vom Hofkollektiv die Radler:innen und stellt den Betrieb vor.

Ihre Gruppe betreibt seit 2013 „Community Supported Agriculture“. Sie haben 20 Hektar, bewirtschaften davon 2 Hektar mit Gemüse und 0,6 mit Kartoffeln. Die Gärtner:innenteam besteht aus fünf festen Menschen und in der Sommersaison einer weiteren Person. 150 Ernteanteile sind vergeben und mehr sollen es auch nicht werden. Die meisten Anteilsinhaber:innen leben in Ost-Berlin, wo es drei Verteilstationen gibt. Der Aufbau einer Community in der direkten Umgebung geht nur sehr langsam vonstatten, bisher sind es 10 Anteile.

So gelang das mit dem Land:

Die Gruppe konnte die Flächen vom Vorbesitzer zunächst pachten, dann mit Hilfe der Kulturland e.G. kaufen. Der Vorbesitzer fand die Gruppe sympathisch und wollte mit der eigenen Landwirtschaft aufhören. Er lebt noch auf dem Gelände, das klappt gut.

Aus der Gruppe der Ernte-Anteiler bildete sich damals eine AG, die sich um den Landkauf kümmerte und erfolgreich Werbung für Genossenschaftsanteile machte.

Die juristische Struktur ist kompliziert: um mit der Kulturland eG zu kooperieren, wurde eine KG gegründet, die Basta Boden KG. Zusätzlich gibt es einen gemeinnützigen Verein, der Gebäude und Stall betreibt und eine GbR, die offiziell das Gemüse macht. Diese besteht auf dem Papier nur aus zwei als Selbständige arbeitenden Personen, obwohl das 5er-Kollektiv gleichberechtigt arbeitet.

Der Hof Basta arbeitet ausschließlich mit eigenen Jungpflanzen und verzichtet auf den Einsatz von Hybriden. Sie haben 50-60 Kulturen im Anbau und liefern ihren Ernteteiler:innen ganzjährig Produkte. Die Produkpalette soll zukünftig weiter ausgebaut werden. Zusätzlich zum Gemüse gibt es Experimente mit Buchweizen, mit Öl-Sonnenblumen, mit Lupinen und Getreide (Emmer, Einkorn, Hafer, Dinkel). Der Hof hat sich einen – 60 Jahre alten, aber funktionstüchtigen – Mähdrescher angeschafft, weil die kleinen Flächen für moderne Geräte nicht geeignet sind und es auch keinen Dienstleister gibt, der so kleine Flächen dreschen würde. Künftig wollen sie diese Ackerfrüchte selbst reinigen und schälen können. Auch mit Agroforstsystemen liebäugelt Basta und plant außerdem, das große Gebäude auf dem Hof mit einem Seminarbereich auszustatten, so dass dort auch Veranstaltungen stattfinden können.

Nach dem Hofrundgang sind nur noch etwa 10 Kilometer zu überwinden bis zur Übernachtungsstation.

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Mittwoch, 1. September

Gemeinsame Fahrt über 45 Kilometer entlang der Oder nach Bad Freienwalde. Dort werden erste Ideen für die Abschlussaktion am Freitag in Berlin vorgestellt und intensiv diskutiert. Leonie Steinherr gibt einen Überblick über die Geschichte der BVVG und fasst die Kritik an deren Bodenvergabepraxis noch einmal zusammen.

Später kommt eine Referentin in das Gästehaus: Vom Thünen-Institut hält Lisa Eberbach einen Vortrag über den Bodenmarkt und Eigentumsverhältnisse in Ostdeutschland. Sie stellt die aktuellen Forschungsergebnisse zum Einfluss der Investoren auf die Landwirtschaft in Brandenburg vor. Es wird fleißig diskutiert und am Abend gibt es noch einen Film über die Geschichte der Landverteilung in Ostdeutschland von der Bundeszentrale für politische Bildung.

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Donnerstag, 2. September

Für die Gruppe beginnt der Tag mit der Weiterfahrt nach Eberswalde, wo in den Räumen des afrikanischen Kulturvereins Palanca eine Kleingruppenphase zur Aktionsvorbereitung stattfindet.

Ein Team arbeitet an der Bodenvergabe der BVVG und überlegt sich, wie es passieren könnte, dass Gemeinwohlkonzepte plötzlich bei der Landvergabe erfolgreich werden.

Ein zweites Team übt ein spontan umgetextetes Lied ein, das die extremen Preissteigerungen für Land problematisiert: „Es wollt ein Bauer früh aufsteh‘n“

Eine dritte Gruppe erarbeitet eine Choreografie zu Share-Deals: In einem Kleid aus Aldi-Tüten tanzt eine Darstellerin als Land-Käuferin im Auftrag des Discounters Land-GmbHs, -AGs und Genossenschaften an und bringt sie dazu, ihr Anteile der Gesellschaften zu überschreiben.

Eine vierte Kleingruppe stellt dar, wie die Inanspruchnahme des bäuerlichen Vorkaufsrechts zur doppelten Grunderwerbssteuer und Gebühren führt und die Bäuerin schließlich an den Kosten scheitern muss.

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Freitag, 3. September

Alle stehen früh auf und erreichen den Regionalzug nach Berlin. Hinter dem Gropiusbau, nur wenige Hundert Meter vom Bundesfinanzministerium entfernt, gibt es dann Frühstück und allerletzte Vorbereitungen.

Um 11.00 Uhr treffen wir unsere Kooperationspartner:innen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Kulturland e.G. und dem Bündnis Junge Landwirtschaft vor dem Ministerium des Herrn Olaf Scholz und beginnen mit unserer Aktion. Der Wechsel aus Spiel, Gesang, Reden und Tanz ist voller Schwung und sorgt für eine ergreifende Stimmung. Georg Janßen von der AbL fasst die Kritik an der BVVG zusammen, Willi Lehnert, der sich seit Jahren im Bündnis Junge Landwirtschaft engagiert spricht von den bitteren Erfahrungen beim Versuch, Land zur Gründung eines Betriebes zu bekommen. Stephanie Wild von der Kulturland Genossenschaft erklärt, dass solidarische Finanzierung von Flächen schon in etlichen Fällen eine Alternative wurde – allerdings fordert auch sie, dass es politische Veränderungen geben muss, um Perspektiven zu eröffnen. Leonie Steinherr fasst einige der wichtigsten Erkenntnisse der Fahrradtour nochmal zusammen und fordert ein Ende der Privatisierungen der BVVG-Flächen.

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Für viele Teilnehmende war es ihre erste öffentliche Aktion. Nach einer Auswertungsrunde und einer letzten Mittagsstärkung machen sie sich wieder in alle Richtungen auf nach Hause. Im Gepäck viele neue Eindrücke und Erkenntnisse zum Thema „Zugang zu Land“ – und Motivation, sich für eine gemeinwohlorientierte Bodenpolitik einzusetzen.

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmer:innen. Es war spitze mit euch!


 

Dieses Projekt wurde unterstützt von Teilehmer:innen der

 

27. März 2020 Kommentare sind deaktiviert Michael Krack
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Saatgutinitiative 4: Seed Savers Network Kenya

‘Mbegu ndiu managwo’ – Niemand kann dir ein Samenkorn verweigern

Das Jahr 2009: Ein kleiner kenianischer Verein stemmt sich gegen die Grüne Revolution und damit gegen die von der Regierung propagierte Agrarpolitik einer industriellen Landwirtschaft. Gemeinsam mit einer Hand voll Kleinbäuer*innen rund um den Ort Gilgil in der Region Nakuru setzte sich Seed Savers Network Kenya dafür ein, über die Bedeutung von indigenem und gentechnikfreiem Saatgut aufzuklären.

Mit Erfolg! Gut 10 Jahre später hat Seed Savers Network Kenya ein Netzwerk von über 50.000 Bäuerinnen und Bauern aufgebaut, die das Saatgut lokaler Sorten in lokalen Saatgutbanken sichern und erhalten. Dabei verfolgt die Graswurzelbewegung vielfältige Ziele: Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, eine unabhängige Nahrungsmittelproduktion, Agrarökologie und die Stärkung der Rechte von Frauen. Über allem steht dabei der freie Zugang zu lokal angepasstem Saatgut.

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Die Anfänge

Daniel Wanjama, Gründer von Seed Savers Network Kenya, wuchs auf dem Land auf. Sein Dorf war geprägt von kleinstrukturierter Landwirtschaft, die Menschen bauten auf ihren Feldern an, was sie aßen. Dabei waren sie frei zu entscheiden, welche Sorten und Kulturpflanzen sie anbauen wollten. Doch Daniel verließ das Dorf und besuchte eine landwirtschaftliche Hochschule. Er fand eine Anstellung im Ministerium für Landwirtschaft und erlebte dort, dass die Regierung eine ganz andere Art der Landwirtschaft propagierte.

“Dort im Ministerium wurde mir bewusst, dass die Regierung eine Art Grüne Revolution förderte. Auf der anderen Seite aber sah ich die Kleinbauern, die winzige Flächen bewirtschafteten. Zwei Hektar, manchmal auch nur einen. Und sie stellen mit 70% der Bevölkerung die Mehrheit in Kenia dar. Die Technologie einer Grünen Revolution passte überhaupt nicht auf ihre Bedürfnisse.”

Die Anbaumethoden der Kleinbäuer*innen zielten nicht in erster Linie auf den Verkauf von Lebensmittel auf dem Markt ab. Sie dienten der Selbstversorgung ihrer Familien, nur Überschüsse wurden auf dem Markt verkauft. Das Landwirtschaftsministerium wollte nun, dass die verschiedenen Feldfrüchte durch eine einzige Kultur abgelöst werden. Die Ernte sollten die Bäuer*innen verkaufen und auf diese Art Geld verdienen. Daniel Wanjama fiel schnell auf, das dieses System kein passendes Mittel gegen den Hunger darstellte.

“Wenn im ganzen Dorf nur eine Kultur angebaut wird, gibt es keinen Markt dafür. Es muss ja auch Konsumenten für das Produkt geben. Dieses Produkt ist aber nicht das, was die Leute ernährt. Die industrielle Landwirtschaft versagt hier in großem Maße und diese Art der Politik belügt die Leute.”

Denn die Bäuer*innen verlieren damit die Unabhängigkeit ihrer Lebensmittelproduktion. Zusätzlich gefährden die industriellen Anbautechniken mit ihren mineralischen Düngern und chemischen Spritzmitteln die biologische Vielfalt, die Bodenfruchtbarkeit und die Gesundheit der Menschen. Die Menschen befürchten, dass den Agrochemiekonzernen von der Politik der Einzug auf ihre Felder gewährt wird und das auf Kosten der Ernährungssouveränität. Seed Savers Network Kenya will dem etwas entgegensetzen:

“Wir müssen Alternativen aufzuzeigen. Das beinhaltet eigenes Saatgut zu verwenden, eigenen Dünger, in Form von Gülle und Mist, angepasste Anbaumethoden und altes Wissen, so dass wir unsere Kinder und Familien mit gutem Essen versorgen können.”

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Der Trend ist sehr ernst zu nehmen

2019 dokumentierte der Verein den Verlust von 34 Sorten, die in den letzten Jahren alleine in den Dörfern um Gilgi verloren gegangen waren. 65 Sorten mussten als gefährdet eingestuft werden, weil sie kaum noch angebaut werden.

“Der Trend ist also sehr ernst zu nehmen. Viele Arten gehen verloren und unserer Meinung nach ist ein Teil des Problems, dass wir eine Agrarpolitik übernommen haben, die nicht zu unserer kleinbäuerlichen Landwirtschaft passt.”, schlussfolgert Daniel Wanjama.

Für den Verlust der Saatgutvielfalt macht Daniel Wanjama außerdem verantwortlich, dass es mittlerweile verboten ist, nicht-lizenziertes Saatgut zu handeln, obwohl sich gerade diese Praxis seid Jahrhunderten bewährt hat. Heutzutage muss jedes Saatkorn einen Besitzer haben. Eine Sorte in Kenia beim zuständigen Amt (Kephis) registrieren zu lassen kostet umgerechnet ca. 3.650€. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Kenia beträgt ca.1.300€. Um eine Sorte anzumelden, benötigt man aber nicht nur viel Geld. Man muss auch umfassendes Hintergrundwissen besitzen, um den anspruchsvollen Antrag schreiben zu können. Um die Investition einer Registrierung wieder auszugleichen, muss aus der Anmeldung Profit entstehen. Firmen vermarkten deshalb die registrierten Sorten intensiv, wodurch Bauern immer häufiger auf kommerzielle Sorten zurückgreifen. Alte Sorten werden nicht mehr vermehrt und gehen auf diese Weise verloren.

Seed Savers Network Kenya arbeitet dagegen an, indem der Verein Märkte organisiert, auf denen altes Saatgut getauscht und weiter gegeben werden kann. Sie beraten Bauern und Bäuerinnen zu ökologischer Landwirtschaft, Düngerherstellung, Agrobiodiversität, Saatgutgewinnung und -lagerung. Die Samenbanken werden von Gemeinschaften etabliert und eigenständig gepflegt. Auch konnte Seed Savers Network Kenya erste Erfahrungen mit einem Open Source Seeds System machen (was das ist, könnt ihr hier lesen). Trotz seiner limitierten Ressourcen versucht der Verein eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, beispielsweise mit Radiobeiträgen, um über die Bedeutung von freiem Saatgut und einer nachhaltigen Landwirtschaft zu berichten. Dass sie dabei kritisch über die Agrarindustrie berichten, bringt ihnen nicht immer nur positives Feedback ein.

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Welche Vision hat Seed Savers Network Kenya?

“Wir wollen sichergehen, dass Kleinbauern sich selbst versorgen können und das ist ja auch das, was sie selbst wollen. Ich denke, dass die Idee sich selbst mit Nahrung zu versorgen, sowie die Idee sich um die Umwelt und seine Mitmenschen zu kümmern, nachhaltiger ist als jede andere Herangehensweise. Hier in Kenia kann ich beobachten, dass wir um so erfolgreicher mit unseren Programmen sind, je mehr die Leute ihre Situation selbst in die Hand nehmen.” ,

beschreibt Daniel Wanjama die Ziele von Seed Savers Network Kenya. Die allgemeine Bildung und das Verständnis für ökologische und politische Zusammenhänge hat sich in den letzten Jahren merklich gebessert. Daniel Wanjama hofft, dass es bald nur noch einen kleinen Anstupser in Form einer Kampagne braucht, der die Menschen animiert sich für eine Politik einzusetzen, die ihren Bedürfnissen gerecht wird.

“Ich denke wir können positiv in die Zukunft blicken. Je länger wir diese Arbeit hier machen, desto mehr Menschen unterstützen uns darin. Wir haben eine Tauschbörse organisiert, auf der uns der Landwirtschaftsminister dafür gelobt hat, dass wir alte Sorten erhalten: ‘Wie konnten wir diese nur verlieren? Ihr bringt sie zurück, eure Arbeit ist sehr wichtig!’”

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Ein Blick in die Zukunft

Die meisten Jugendlichen in Kenia haben erlebt, wie ihre Eltern versucht haben, mit fast nichts zu überleben. Sie haben gesehen, dass die industrielle Landwirtschaft auf ihren Feldern nicht funktioniert Die Jugend spielt eine zentrale Rolle in der Erhaltung der agrarökologischen Grundlagen. Auch im Hinblick auf die Rolle der Landwirtschaft im Klimawandel und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft werden sie noch stärker betroffen sein. Wie sie sich aktuell schon für einen nachhaltige Landwirtschaft einsetzen können, dazu bietet Seed Savers Network Kenya verschiedene Workshops an. Der Verein geht bereits an Grundschulen um dort Schulgärten aufzubauen. Kinder, deren Familien sich kein Mittagessen leisten können, bekommen dann in der Schule wenigstens ein Obst in der Pause. Das Wissen um nachhaltige Anbaumethoden bringen die Kinder dann wieder mit nach Hause, denn fast alle Kinder kommen aus Familien, die in kleinem Maßstab Landwirtschaft betreiben. Was sie außerdem mitnehmen, ist das Selbstbewusstsein darüber, in der Lage zu sein ihr eigenes Essen anbauen zu können.


Die Fotos wurden uns von Seed Savers Network Kenya zur Verfügung gestellt. Danke!

Hier gibt es auch noch einen anschaulichen Artikel über den bäuerlichen Arbeitsalltag in der Region Gilgil auf deutsch: https://www.2000m2.eu/de/category/blog-de/global-de/gilgil-de/


Förderung FEB

7. Januar 2020 Kommentare sind deaktiviert Michael Krack
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Aktionshefte 2015-2021

Das Aktionsheft für die Agrarwende

Im Aktionsheft 2021 geht es um den Zugang zu Land, um den Bodenmarkt und die Zukunft bäuerlicher Landwirtschaft.

Das Aktionsheft 2020 dreht sich ums Kernthema Saatgut, um bäuerliche Rechte, die EU-Agrarpolitik, um Möglichkeiten selbst aktiv zu werden und viele Tipps für ein Saatgut-Jahr.

Mit der Hilfe von Crowdfundings konnten wir jeweils größere Auflagen finanzieren. Du kannst uns hier für unser neues Aktionsheft 2022 unterstützen.

Aktionsheft_Agrarwende_2021_Umschlag

Aktionsheft_Agrarwende_2020_Umschlag

Unser Aktionsheft hat schon viel mitgemacht: von fairen Lebensmittelpreisen, unfairen Tierfabriken und zu viel Gülle, TTIP, Bayer und Monsanto, Amazon fresh, Regenwald für Futtermittel und der Debatte um chemisch-synthetische Pestizide!

Es steckt voller Ideen für den eigenen Beitrag zu Agrarwende, denn es gibt viel zu tun – wer packt mit an?

Aktionshefte_2015-2019

Das Aktionsheft im praktischen A6 Format hat alles was man im Alltag so braucht, um die Agrarwende voran zu bringen: Sticker, Infografiken, Aktionstipps und noch vieles mehr!

 

Von allen Heften kannst du dir hier die Dateien zur Ansicht herunterladen:

Ausgabe 2021 | Ausgabe 2020 | Ausgabe 2019 | Ausgabe 2018 | Ausgabe 2017 | Ausgabe 2016 | Ausgabe 2015

 

Außer dem aktuellen Heft können wir noch (solange der Vorrat reicht) ein paar Exemplare der Hefte von 2020 und 2021 versenden. Das Formular ist gleich weiter unten.

Der Versand geschieht kostenlos (ab einer Bestellmenge von 20 Stk.), aber über eine Spende für Druck und Porto freuen wir uns sehr.

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    18. Juli 2019 Kommentare sind deaktiviert Jutta Sundermann
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    Aktion Agrar unterwegs

    Auf Fahrrädern erkunden wir in Etappen von täglich zwischen 50 und 75 Kilometern den ländlichen Raum zwischen Lüneburg und Wolfenbüttel – insgesamt 330 Kilometer entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

    22 Menschen sind „on the road“ dabei und machen Halt an vielen interessanten Orten. Hinter uns liegen abwechslungsreiche Tage, gesprächsintensive Abende und die ersten fünf Nächte in einem Heuhotel, im politisch engagierten wendländischen Gasthof Meuchefitz und in mehreren gastfreundlichen Gemeindehäusern.

    So erfuhren wir am Montag in Quickborn, wie ein kleinerer Schweinemastbetrieb dazu kam, sein ganzes Dorf mit Wärme einer Biogasanlage zu versorgen. Er produziert aus Mais, Gülle und Bioabfällen Wärme und Strom. Durch freundliche Kommunikation, faire Preise und großes Engagement überzeugte er die Nachbarn und konnte nach und nach immer mehr Häuser an sein Fernwärmenetz anschließen.

    Eine beispielhafte Geschichte aus der Region, die bis heute Widerstand leistet gegen die Endlagerung von Atommüll im Gorlebener Salzstock. Ganz in dessen Nähe erzählten uns dann auch langjährige Aktivist*innen von der inzwischen 30jährigen Tradition des Gorlebener Gebets und von den vielen Initiativen, die sich dem Transport von 113 Castorbehältern entgegenstellten. Die Transportbehälter mit hochradioaktivem Atommüll warten heute in oberirdischen, beispielsweise gegen Flugzeugunfälle völlig ungeschützten „Kartoffelscheunen“ auf eine unmögliche Endlagerung. Aus der Anti-Atom-Bewegung entstand im Wendland eine bunte kulturelle Vielfalt und ein – weiterhin dünn besiedelter – Landkreis mit ganz besonderer Lebendigkeit.

    Eine Schafbäuerin machte die Gruppe mit der Wollverarbeitung vertraut und der Schwierigkeit, die wertvolle Wolle auf den Markt zu bringen, weil beinahe alle Strukturen dafür über Jahre verschwunden waren.

    Ein Demeter-Bauer nahm uns alle auf seinen Hänger und fuhr die ganze Gruppe mit dem Traktor zu seinen Gemüsefeldern. Er zeigte unterwegs, was das zweite Trockenjahr in Folge mit den Feldern macht und wie unberechenbar auch nach 30 Berufsjahren Kartoffelschädlinge sein können.

    Immer wieder säumen die alten DDR-Wachtürme unseren Weg. Wir sprachen mit vielen Menschen über ihre Erinnerungen an die Grenze, machten einen Stop am Grenzmuseum bei Schnega und bewundern die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt des Grünen Bandes, des ehemals tödlichen Grenzstreifens, der in einer der letzte Amtshandlungen der letzten DDR-Regierung zum Naturschutzgebiet gemacht wurde.

    Es ist toll, gemeinsam unterwegs zu sein! Bisher durften wir uns über freundliches Wetter und viel Rückenwind freuen. Intensive Gespräche und die Vorbereitung einer gemeinsamen Aktion zum Thema Saatgut gehören zu den bunten Tagen ebenso wie die Freude an der Bewegung und den Begegnungen mit engagierten Menschen in der Landwirtschaft.